Ihm sei nicht mehr zum Scherzen zumute, hieß es zuletzt oft über den ukrainischen Präsidenten. Aber als Wolodymyr Selenskyj in Davos auf der großen Kongressbühne steht, wird klar, dass der Krieg den Entertainer in ihm noch nicht gänzlich vertrieben hat. Als es ein bisschen länger dauert, bis die Übersetzungsgeräte im Saal funktionieren, scherzt Selenskyj, kein Problem, er habe ja bis in die Nacht Zeit. Woraufhin ihn der Präsident des Weltwirtschaftsforums Borge Brende erinnert, dass er doch einen Krieg zu führen habe.

Selenskyjs Auftritt ist einer der Höhepunkte des Gipfels in Davos. Der Saal voll, bis in die letzte Reihe. Der ukrainische Präsident nutzt die Gelegenheit, um sich kämpferisch zu präsentieren. Zuletzt wirkte der Staatschef zunehmend grimmig, angesichts wachsender Probleme. Das zweite Kriegsjahr hat der Ukraine nicht den erwarteten Durchbruch an der Front gebracht. Und während im Westen finanzielle und militärische Hilfe stockt, spricht die ukrainische Militärführung nach zwei Jahren Krieg immer offener vom Mangel an Soldaten und Munition. Noch vor wenigen Tagen in Estland klagte Selenskyj, er müsse bald zwischen Waffenkäufen und Rentenzahlungen an ukrainische Senioren abwägen, wenn das Geld aus dem Westen nicht bald zugesagt wird.