Dieser Text ist Teil des "Gazaprojekts". Lesen Sie hier eine weitere Recherche, die DIE ZEIT im Rahmen dieses Projekts veröffentlicht hat.

Es gibt auf der Welt wohl nur wenige Journalisten, die – käme ein Krieg in ihr Land – zu dem in der Lage wären, was Fadi al-Wahidi getan hat. Als Bomben in seiner Nachbarschaft fielen, ging er nach draußen und dokumentierte die Zerstörung. Als Babys getroffen wurden, filmte er die weinenden Eltern. Noch als er selbst im Kugelhagel stand, hielt er die Kamera auf das Geschehen. Bis er selbst ins Visier geriet.

Al-Wahidi berichtete für den katarischen TV-Sender Al-Dschasira aus dem Gazastreifen: ein großer, gut aussehender Mann Mitte 20 mit breitem Lächeln, den man oft in Jogginghose und Presseweste filmend im Schlepptau des erfahreneren Korrespondenten umherstreifen sah. In den Videos, die er auf Instagram hochlud, wirkt er konzentriert, trotz der Schrecken, die ihn umgaben. In Momenten, in denen erfahrene Kriegsreporter zittern, blieb seine Hand ruhig. "Er war ein großartiger Fotograf und Journalist", sagt ein Kollege, der mit ihm zuletzt viel unterwegs war. "Er wollte reisen, sich journalistisch weiterentwickeln."

Dazu kam es nicht. Am 9. Oktober 2024, während eines Reportereinsatzes, traf eine Kugel Al-Wahidis Hals, durchtrennte sein Rückenmark und trat unterhalb seines Nackens wieder aus. Er kann seitdem seine Beine nicht mehr bewegen, wartet in Katar auf weitere Behandlung. Seine Kamera kann er nicht mehr halten.

Fadi al-Wahidi steht beispielhaft für alle palästinensischen Medienschaffenden, Journalistinnen und Journalisten, die seit Kriegsbeginn ihr Leben riskieren. Fast 170 wurden bislang getötet, so viele wie in keinem Konflikt der Neuzeit in einem vergleichbaren Zeitraum: ein "beispielloses Blutbad", wie die Organisation Reporter ohne Grenzen schreibt. Mittlerweile gab sogar der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag bekannt, die Angriffe zu untersuchen. Es ist, als ob in einer ohnehin schwach beleuchteten Gegend immer mehr Lichter ausgeschaltet würden.

Anderthalb Jahre ist es her, dass die Terrororganisation Hamas den Gazakrieg mit dem Massaker vom 7. Oktober ausgelöst hat. Seitdem schlägt die israelische Armee mit großer Härte zurück, nahm Zehntausende zivile Opfer in Kauf, zuletzt nur unterbrochen durch wenige Wochen einer wackeligen Waffenruhe.

Unabhängige, internationale Berichterstattung über den Krieg und wie er geführt wird, ist allerdings unerwünscht. Seit Kriegsbeginn riegeln Israel und Ägypten den Gazastreifen für die internationale Presse ab. Mehrfach haben namhafte Medienhäuser und Journalistenverbände aus aller Welt gegen diese Abschottung protestiert. Zuletzt veröffentlichten im September 2024 mehrere deutsche Medien gemeinsam einen offenen Brief an die israelische und die ägyptische Regierung. "Wer uns verbietet, im Gazastreifen zu arbeiten, schafft die Voraussetzungen, dass Menschenrechte verletzt werden", heißt es in dem unter anderem von der ZEIT, dem Spiegel, der dpa und der Bild-Zeitung unterzeichneten Text. Reporterinnen und Reporter müssten sich "unbegleitet und unabhängig ein Bild über die Situation in Gaza machen können". Bis heute haben weder die israelische noch die ägyptische Regierung auf den Brief reagiert. Im Rahmen dieser Recherche wurde die israelische Armee erneut gebeten, Zutritt zum Gazastreifen zu gewähren. Ohne Erfolg.

Er trug seine Presseweste, die ihn klar als Zivilisten auswies

Berichten, was im Gazastreifen passiert, können deshalb nur lokale Reporter wie Fadi al-Wahidi. DIE ZEIT hat zu den Angriffen auf sie recherchiert, gemeinsam mit dem gemeinnützigen Journalistenkonsortium Forbidden Stories und 10 weiteren internationalen Medienpartnern, darunter das Recherchenetzwerk Bellingcat, die Organisation arabischer Investigativreporter ARIJ, das israelische +972/Local Call Magazine, das Münchener Investigativ-Start-up Paper Trail Media und das ZDF. Es ist die selbst gestellte Mission von Forbidden Stories, die Arbeit von Journalisten fortzusetzen, die zum Schweigen gebracht wurden; die also bedroht, inhaftiert oder getötet wurden. Auch die Tötungen selbst arbeitet Forbidden Stories auf. Schon im vergangenen Juni hat das Konsortium in Teil eins dieses Gazaprojekts aufgedeckt, dass einige Journalisten ins Visier genommen worden waren, obwohl sie als solche erkennbar waren. Damals erklärte ein israelischer Armeesprecher, sie seien nicht gezielt getötet worden. Einige könnten "bei Luftangriffen oder operativen Maßnahmen gegen militärische Ziele zu Schaden gekommen sein". Außerdem, so gab der Sprecher zu verstehen, gehe man auch gegen Terroristen vor, die sich als Journalisten tarnen würden.

Der Fall Al-Wahidi ist aber so kaum erklärbar. Videomaterial, Satellitenbilder und Dokumente sowie Gespräche mit Zeugen und Experten zeigen: Al-Wahidi wurde in einer Gegend beschossen, für die es keine aktuelle Evakuierungswarnung gab, die also nicht als konkrete Gefahrenzone galt. Es ist nicht klar, welches legitime militärische Ziel dort zu jenem Zeitpunkt beschossen worden sein sollte. Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass Al-Wahidi Terrorist war. Und er trug seine Presseweste, die ihn klar als Zivilisten auswies.

Fadi al-Wahidis Biografie ist typisch für die vieler palästinensischer Medienschaffender. Geboren wurde er in Dschabalija im Norden des Gazastreifens. Schon als Jugendlicher begann er, seine Umgebung zu fotografieren: Blumen, Moscheen, Sonnenuntergänge. Aber auch Amputierte und Beerdigungen, Aspekte seines Alltags. Als der Krieg begann, musste er mit seiner Familie aus dem Norden fliehen. Er heuerte bei dem Sender Al-Dschasira an, begleitete fortan dessen Korrespondenten Anas al-Sharif als Kameramann.