Unter Europas Politikern hat sich inzwischen herumgesprochen, dass man von den Erfahrungen anderer Regierungen durchaus profitieren kann. Immer vorausgesetzt, man vermag über den nationalen Schatten zu springen und kleinliche Gefühle der Eifersucht vermeiden. Auf der Suche nach der „best practice“, der erfolgreichsten Methode, das drängende Problem der Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen, hat sich Wolfgang Clement ein paar Tage auf der Insel umgeschaut. Was durchaus Sinn macht. Auf Wirtschafts- und sozialpolitischem Feld kann die Regierung Blair etwas vorweisen. In Deutschland würde man sich die Finger lecken nach einer Arbeitslosenquote von 5,1 Prozent und einer immer noch, trotz weltweiter konjunktureller Flaute, wachsenden Zahl der Beschäftigten.Erreicht hat die britische Regierung dies mit einem Dreierschlag: Man hob die Trennung von Arbeitsverwaltung und Arbeitslosenhilfe auf; man schuf Anreize für die Vermittler und verpflichtete sie darauf, die Arbeitslosen individuell und gezielt zu betreuen. Zugleich beseitigte man die sogenannte Armutsfalle; durch steuerliche Eingriffe und staatliche Zusatzgelder für Niedrigverdiener wurde dafür gesorgt, dass Arbeit sich lohnt. Das Wochengehalt auch der working poor liegt somit stets deutlich über der Arbeitlosen- oder Sozialhilfe. Zugleich, und dass ist der vielleicht wichtigste, politisch aber strittigste Punkt, praktizierte die Regierung das Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“. Zunächst beim sogenannten „New Deal“ für jugendliche Arbeitslose. Man machte ihnen vier Angebote: einen subventionierten Job, einen Ausbildungsplatz, eine Stelle bei einer wohltätigen Stiftung oder Gemeidearbeit. Wer alle Angebote ausschlägt, um lieber zu Hause vorm Fernseher zu hocken, verliert sofort den Anspruch auf staatliche Unterstützung. Wieviel ihm abgezogen wird von dem Arbeitslosengeld, hängt von der individuellen Beurteilung aller Umstände ab. Die Sanktion wurde in sechs Jahren 65 000 mal verhängt.Vor 6 Jahren waren in Großbritannien 250.000 Jugendliche zwischen 16 und 24 Jahren als arbeitlos gemeldet, viele von ihnen galten darüberhinaus als schwer vermittelbar. Heute weist die Statistik nur noch 37.000 Arbeitslose dieser Altersgruppe auf. Kein Wunder, dass Wolfgang Clement beeindruckt war. Aber der Minister für Wirtschaft und Arbeit muss wissen, dass die Doppelstrategie aus Hilfe und Härte, die von New Labour verfolgt wird, traditionelleren sozialdemokratischen Kreisen wie sensiblen Liberalen zutiefst zuwider war. Wer sich für diesen Weg entscheidet, darf Konflikte nicht scheuen. Stellt sich ersteinmal der Erfolg ein, lassen sich die aufgebrachten Gemüter leicht besänftigen. Mittlerweile wird das Prinzip Zuckerbrot und Peitsche bei Labour und den britischen Gewerkschaften eigentlich nur noch von ganz sturen Köpfen in Frage gestellt.