Um 15:07 Uhr ist es endlich soweit. "Hier kommt", brüllt der Moderator ins Mikrofon, "die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland". Gerade hat man sie noch auf der Großleinwand gesehen – im neuen Wahlkampfspot der CDU, die Kuppel des Reichstags im Hintergrund. Nun ist sie leibhaftig da.

In weißem Jackett zieht sie händeschüttelnd in den ISS Dome in Düsseldorf ein. Brav greift das Publikum  zu den bereitgelegten Schildern. Zwei Varianten gibt es. "Wir" steht darauf oder "Angie". Angie-Rufe erklingen. Immerhin 9000 Parteimitglieder sind angereist, und widerlegen die Befürchtungen der vergangenen Tage, dass die Riesenhalle nicht gefüllt werden könne. 

Es ist der Star-Act Merkel, der sich hier abspielt, nachdem die Anwesenden zuvor den Star-Act Jennifer Rush über sich haben ergehen lassen. Zwei Stunden schon sitzen sie zu diesem Zeitpunkt in der großen grauen Halle und versuchen sich in Stimmung zu klatschen. Vorwiegend mit 80er Jahre-Hits, was politisch immerhin nicht unpassend ist. Schließlich hat auch das schwarz-gelbe Bündnis, für das die CDU derzeit kämpft, seine beste Zeit in jenen Jahren gehabt.

Die CDU startet in die letzte, die heiße Phase des Wahlkampfes. Stets hat die Partei betont, sich ihre Kräfte für diese Wochen aufsparen zu wollen. Wie das gemeint war, lässt sich bereits unschwer bei einem Gang über die Straße feststellen. Nachdem in den ersten Wahlkampfwochen noch die gesamte Ministerriege die großen Plakatwände zierte, gibt es gibt es jetzt noch genau zwei Varianten: Merkel von rechts und Merkel von links.

Dabei hat sich der Wahlkampf für die Union vor allem in der vergangenen Woche nicht eben positiv entwickelt. Letzten Sonntag verlor sie gleich in zwei Bundesländern die absolute Mehrheit und möglicherweise sogar die Regierungsbeteiligung. Und auch die Umfragen  enthielten zuletzt eine doppelt gefährliche Botschaft: Einerseits beginnt die vorhergesagte Mehrheit für schwarz-gelb im Bund ganz sachte an zu bröckeln, andererseits ist nach wie vor eine große Mehrheit der Bevölkerung vom schwarz-gelben Wahlsieg überzeugt. Wenn das so bleibt, könnte die Union am Ende ein Problem haben, ihre Wähler zu mobilisieren – und zwar nicht nur für eine Wahlkampfveranstaltung. 

Einen Motivationsschub kann die Partei an diesem Sonntag also gut brauchen. Und tatsächlich  gibt Merkel diesmal die Kämpferin. Die Sozialdemokraten schonen und als oberste Präsidentin der Republik auftreten? Das mag ein Rezept sein, das auf den Marktplätzen der Republik aufgeht. Hier, vor der eigenen Partei, geht Merkel den Noch-Koalitionspartner heftig an und verteidigt zugleich ihre Linie.  

"Wir haben als Regierung viel erreicht, das werde ich mir nie alles schlecht reden lassen, bloß weil auch Sozialdemokraten daran beteiligt waren", sagt sie. Doch jetzt, so die Botschaft, befänden sich die Sozialdemokraten in einer so desolaten Situation, dass man mit ihnen nicht mehr regieren könne. "Ihr braucht eine Pause und zwar in der Opposition ", attestiert die Kanzlerin der SPD, und da ist der Jubel in der Halle zum ersten Mal nicht nur inszeniert.