Von Lars Peters, Hamburg

Vor zehn Jahren war ich selbständig. Als Werbetexter hatte ich den Auftrag, für eine amerikanische Bank einen Prospekt für einen neu aufgelegten Fonds zu texten. Deshalb war ich zwei-, drei-, viermal da. Es handelte sich um eine kleine Filiale, und das Geschäft schien hauptsächlich daraus zu bestehen, dass solvente Privatkunden per Telefonorder hier 100.000 Mark in Aktien investierten oder da. Für jedes dieser Geschäfte erhielt die Bank eine Provision, abhängig vom Wert der Order. Es kam also des öfteren vor, dass jemand im Vorbeigehen verkündete, eben hat Soundso für eine halbe Millionen gekauft. Und dann lächelten alle. Seltsam glücklich und erregt. Wie beseelte Registrierkassen.

 I.
Vor mir liegt der Essay, den ich für den ZEIT-Wettbewerb geschrieben habe. Wir verlassen uns auf den Selbstlauf der Welt, behaupte ich dort. Wir hoffen, dass Adam Smith Verteilungsprinzip der invisible hand auch auf die Sphäre des Bürgerlichen durchwirken könnte. Zu bequem seien wir geworden, während doch gerade Unbequemsein die vornehmste Pflicht des Citoyen ist. Statt über Fehlverhalten geflissentlich hinwegzusehen, sollten wir uns wieder gegenseitig die Meinung sagen. Elegante Pointe der Ausführungen ist, dass diese Ethik, in der "wir" das Maß unseres Handelns immer erst durch die aktive Grenzsetzung der anderen erfahren, ebenfalls von Adam Smith stammt. Ich schlage die Apologeten des Freien Marktes mit dem eigenen Idol aus dem Feld. Schön, dass sich meine Forderung aktiver Grenzsetzung auch noch am Grundgesetz festmachen lässt, in Artikel 2. Unterhalb der Ebene der Gesetze wird die freie Entfaltung der Persönlichkeit durch das Sittengesetz beschränkt, ist dort zu lesen. "Was das Gesetz nicht verbietet, gebietet der Anstand." Kant.

Wow! Kant und Adam Smith, das Grundgesetz und eine neue Beziehungsethik. Und zum Schluss noch die Aufforderung an jede(n), als Bürger wieder sichtbar zu werden. Titel: The Invisible Man. Das hat Beeindruckungspotenzial, ist nicht unclever argumentiert, und es ist rund; sehr rund; zu rund irgendwie.

Was stimmt daran nicht? Vielleicht nur, dass sich in der Londoner City wieder teure Anzüge verkaufen: "In tough times you haue to look sharp and smart", sagt da ein Mensch. Das Glatte dieses Satzes, der so verrückt klingt. Oder, dass jemand in meinem Viertel per Laternenpfahl nach einer 1,5-Zimmerwohnung fahndet und dabei auf sein krisenfestes Anstellungsverhältnis verweist. Oder einfach, dass so viele Bundesbürger 2009 pauschal in den Urlaub fahren: Sich um nichts kümmern. Verantwortung abgeben. Die Augen zu. Wegducken gilt nicht in der Krise, wollte ich vorschreiben. Aber genau das geschieht: Die Empirie entlarvt meinen Essay als Wunschdenken. Anstand im 21. Jahrhundert? Wach auf, Junge!

 II.
Welche Wahl lässt uns die Krise, zweiter Versuch. 1. Das Wesen der Krise ist, dass sie uns keine Wahl lässt. 2. Diese Krise lässt uns die Wahl, so weiterzumachen wie bisher. 3. & logo: Diese Krise ist nicht "die Krise". Die Krise, vor der wir uns mit Recht fürchten, sieht anders aus und hat wenig mit falschen Anreizen für US-Häuslebauer oder dem unschwäbischen Verhalten der Finanzbranche zu tun. Es geht um langfristige, planetare Faktoren. Die Überbevölkerung.

Den westlichen Lebensstil als Benchmark weltweiten Rabenwollens. Den Run auf Ressourcen. Das Weltklima. Was da auf uns zurollt, das kostet mehr als eine Million Arbeitsplätze. Es widerspricht der historischen Erfahrung, dass alles so friedlich weitergeht wie bisher, so der Historiker Christian Meier sinngemäß in einem ZEIT-­Interview.