Wahlkampfzeit ist Märchenzeit. Im Kampf um die meisten Stimmen versprechen die Parteien viel und reden die Bilanz ihrer bisherigen Regierungszeit schön. ZEIT ONLINE hat deswegen den Lügendetektor ausgepackt. In den kommenden Wochen bis zur Wahl nehmen wir uns regelmäßig zentrale Aussagen der Parteien vor und prüfen sie auf ihren Wahrheitsgehalt. Im sechsten Teil unserer Serie untersucht Michael Schlieben den besten Wahlkampf-Gag von Frank-Walter Steinmeier.

"Angela Merkel ist die 'Ich-auch'-Kanzlerin."

Der Höhepunkt einer jeden Wahlkampfrede von Frank-Walter Steinmeier ist die "Ich-Auch"-Passage. Der Kanzlerkandidat der SPD spricht über die Bilanz der Großen Koalition. Die Anti-Heldin hierbei ist Steinmeiers Chefin, die Kanzlerin.

Angela Merkel habe bei allen wesentlichen Reformen der Legislaturperiode auf Ideen der Sozialdemokraten zurückgegriffen, so die zentrale These. Egal ob Banken oder Automobilhersteller Pleite zu gehen drohten, egal ob Sparer oder Autokäufer in Panik gerieten – überall, so Steinmeier, sei Merkel erst einmal in apathisches Schweigen verfallen. Erst als die regierungserprobte SPD mit ihren Konzepten an die Öffentlichkeit ging, sei auch Merkel aktiv geworden und habe die Vorschläge kurzerhand übernommen.

Sagte also die SPD Sparer-Garantie, schluckte Merkel – und sagte "ich auch". Hier verstellt Steinmeier seine Stimme. Der Außenminister äfft die Kanzlerin nach. Und so geht es ein paar Minuten weiter. Die SPD sucht Investoren für Opel? Merkel: "Ich auch!" Die SPD will das Autoabwracken staatlich subventionieren? Merkel: "Ich auch!"

Steinmeiers Slapstick gipfelt in der Zuspitzung: Er, der Vizekanzler, habe die Krise bekämpft, und sie, die eigentliche Chefin, habe zugeschaut und sei bestenfalls mitgeschwommen.

Stimmt das? War die Krisenpolitik der letzten zwölf Monate eine sozialdemokratische? Hat Merkel, die sich derzeit im Wahlkampf als besonnene Krisen-Steuerfrau inszeniert, alles abgekupfert?

Nun, zunächst ist das nicht so eindeutig zu beantworten, wie Steinmeier das tut. Ideen haben selten einen alleinigen Urheber. Die meisten Politiker, die eine Idee in einen Diskurs einpflegen, haben sie nicht selbst am Schreibtisch ausgetüftelt. Sie wurde ihnen zugeliefert oder sie haben sie sich abgeguckt, im Ausland oder auf kommunaler Ebene.

Geht man nun konkret den Vorwürfen Steinmeiers nach, stellt man fest, dass er teilweise recht hat, teilweise aber auch übertreibt und auf Kosten der Wahrheit zuspitzt. Dies sei exemplarisch an drei Krisen-Maßnahmen gezeigt.