Klar, sagt Angela Merkel, klar wissen die anderen, dass in Deutschland gewählt wird. Der 27. September, sagt Peer Steinbrück, der ist bei allen internationalen Gesprächspartnern auf dem Bildschirm, vom US-amerikanischen Präsidenten bis zum chinesischen Notenbankchef, "auch dass Frau Merkel und ich nicht dieselbe politische Feldpostnummer haben". Der Finanzminister grinst die Kanzlerin an. Merkel schmunzelt zurück. "Die gucken uns an wie Tiere aus’m Zoo." Weil sie denken, die müssen sich doch raufen. Und das tun sie aber nicht.

Zehn Kilometer über dem Nordatlantik kann der deutsche Wahlkampf seltsam fern sein. Die Kanzlerin und ihr Minister sind auf dem Weg zum letzten politischen Auftritt der großen Koalition, dem Weltwirtschaftsgipfel der G-20 in Pittsburgh. Der kleine Konferenzraum im Luftwaffen-Airbus ist für acht Personen gedacht und nicht für die gut 30, die sich reingedrängt haben zum sogenannten Hintergrundgespräch. Merkel und Steinbrück finden gerade so nebeneinander Platz auf einer Bank. Zwischen die beiden passt infolgedessen kein Blatt.

Das gilt wortwörtlich wie im übertragenen Sinne. Weil es die Spielregeln verbieten, aus Hintergrundgesprächen zu plaudern, kann man dazu nur so viel verraten: Es wird viel gelacht über dem Atlantik, Steinbrück weist immer mal wieder darauf hin, wie recht die Kanzlerin hat, und die Kanzlerin nickt zu praktisch jedem Satz des Finanzministers. Merkel verschränkt die Arme. Steinbrück verschränkt im gleichen Moment auch die Arme. Und das soll also am Sonntag vorbei sein? Hier oben ist das plötzlich ein sehr merkwürdiger Gedanke.

Nun soll man Gesten nicht überinterpretieren. Denn Merkel und Steinbrück stand ein schwieriger Gipfel bevor. Einigkeit in der Verhandlungsführung war da das Mindeste. Als die Finanzkrise noch frisch war, die großen Banken dieser Welt wie Dominosteine zu fallen drohten und die Staaten sich in Milliardenhilfen überboten, hat die Runde der 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen vor Schreck ein ehrgeiziges Programm zur Regulierung der Finanzmärkte ins Auge gefasst. Etliches davon ist inzwischen umgesetzt, was – zu Steinbrücks stetem Ärger – das breite Publikum bisher kaum würdigt. Das breite Publikum weiß allerdings auch nicht, was die makroprudenzielle Finanzaufsicht sein könnte oder dass sich hinter "nicht-kooperativen Jurisdiktionen" Steueroasen verbergen. Es ist eben eine komplizierte Materie.

Schwierig ist dieser Gipfel aber nicht wegen der schwierigen Materie, sondern weil der Schreck der ersten Wochen des Finanzcrashs bei vielen deutlich nachgelassen hat. Dass sich so was nie wiederholen darf, unterschreibt noch jeder. Aber wenn es konkret wird, fängt jetzt, da die unmittelbare Gefahr gebannt scheint, das nationale Nachrechnen an. Und wenn einer wie der britische Premierminister Gordon Brown beim Blick in die Statistik feststellt, dass mindestens 15 Prozent des britischen Bruttosozialprodukts in der Finanzwelt der Londoner City entstehen, ist er auf einmal gar nicht mehr so scharf auf strikte Regeln. Jede Anhebung der Eigenkapital-Anforderungen zum Beispiel schmälert unweigerlich die Gewinnmöglichkeiten der Branche.

Schwierig war der Gipfel aus deutscher Sicht obendrein wegen des Termins. Merkel hatte sich ernsthaft überlegt, ob sie überhaupt nach Pittsburgh fliegt. Irgendjemand daheim könnte hämen, die wolle ja bloß noch mal auf dem roten Teppich stehen. Steinbrück fand das Datum auch nicht ideal. Aber die islamische Welt hat bis Dienstag Ramadan gefeiert, dann ist da die UN-Vollversammlung, früher ging nicht, später auch nicht – kurz, der Weltpolitik ist ein deutscher Wahltermin vollkommen schnurz. Also sind sie geflogen. Auch auf die Gefahr hin, dass aus dieser Reise ein großkoalitionäres Signal wird.

Pittsburgh ist eine alte Stahlstadt, so etwas wie das Ruhrgebiet der USA. Daran erinnern heute nur noch imposante Stahlhängebrücken über den Ohio und seine Zuflüsse, die sich hier treffen, oder auch das örtliche Bier, das "Steel Beer" heißt, Stahlbier. Am Haus der einstigen Stahlarbeitergewerkschaft hängt ein großes Transparent: "Gute Jobs, grüne Jobs". Michael Sommer wartet schon. Der DGB-Chef ist zugleich Vize des Weltgewerkschaftsbundes, und Merkel und Steinbrück treffen sich vor dem Gipfel noch rasch mit einer Gewerkschafterdelegation. Hinterher treten sie kurz gemeinsam vor die Kameras. Je weiter man von Deutschland wegkomme, sagt Sommer, um so besser würden die Zensuren, die die anderen dem Konjunkturprogramm der großen Koalition ausstellten.