Der Rheingold-Express gleitet sanft den Rhein entlang, wie nur ein solider alter Eisenbahnzug aus den 60ern gleiten kann. Er riecht auch nach früher, diese strenge Mischung aus verkohlten Bremsbelägen, gestreiftem Kunstsamtpolster, Schmierseife und Resopal. Und es soll ja so riechen, nach den guten alten Zeiten. Vorne im Panoramawagen sitzt schließlich ein halbes Dutzend Adenauers zusammen mit der Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzenden. Angela Merkel hat am frühen Morgen in Rhöndorf am Grab des Alten einen Kranz niedergelegt, hat im Bonner Naturgeschichtlichen Museum Koenig im ersten Behelfs-Kanzleramt des großen Vorgängers kurz am Schreibtisch Platz genommen, und jetzt rollt der Nostalgiezug Richtung Berlin. Eine Reise durch das vereinte Deutschland – "Das ist der Traum, den Konrad Adenauer gehabt hätte", sagt Merkel.

Der Satz ist irgendwie schief. Etwas an dieser ganzen Tour ist schief. So, wie seit Sonntagabend etwas schief hängt im Kanzlerinnenwahlkampf.

Das TV-Duell gegen Frank-Walter Steinmeier ist nicht nach Plan gelaufen. Das Fernsehbild einer fahrigen Angela Merkel hat regelrechte Schockwellen durch die eigene Partei gejagt. Mitten in der tiefstschwarzen westdeutschen Provinz zieht ein erprobter CDU-Kämpfer die Stirn in Falten. "Was meinen Sie, wie kann das am Ende ausgehen? Alles offen, oder?" Tja, sieht so aus. "Nach beiden Richtungen, oder?" Tja. Ja, nach beiden Richtungen.

Dabei hat es so schön planmäßig angefangen. Vor ein paar Wochen auf dem Marktplatz von Borna zum Beispiel hat die Sonne warm gestrahlt. Borna liegt etwa auf halbem Weg zwischen Leipzig und Chemnitz. Der Marktplatz – barockes Rathaus, barocke Bürgerhäuser, Bierstand, Bratwurst – ist ein Muster von vielleicht nicht durchweg blühender, aber sehr schmuck renovierter Landschaft. Mehrere tausend Zuhörer drängen sich an einem Montagnachmittag. Merkel erzählt von Arpad Bella. Das ist der ungarische Grenzoffizier, der im August 1989 die Pistole stecken ließ, als ein paar hundert DDR-Touristen durch ein Loch im Eisernen Vorhang nach Österreich flüchteten. Merkel hat Bella neulich in Sopron getroffen, beim 20-jährigen Jubiläum. Seither ist er die Klammer ihrer Standard-Wahlkampfrede. Am Anfang Bellas Geschichte, und zum Schluss sagt Merkel den Leuten, dass sie sich den tapferen Magyaren als Vorbild nehmen sollen, weil, wenn ein Einzelner die Weltgeschichte ändern kann, dann kann es jeder einzelne Wähler am 27. September auch.

Dazwischen sagt Merkel, dass die CDU-Kanzler seit Konrad Adenauer praktisch alles richtig gemacht haben, dass es in der tiefsten Wirtschaftskrise in der Geschichte der Republik infolgedessen wieder auf eine CDU-Kanzlerin ankomme sowie auf "klare Verhältnisse", weshalb sie eine Koalition mit der FDP anstrebe. Letzteres kommt mehr in einem Nebensatz daher. Die Leute applaudieren freundlich. Hinterher singen sie die Nationalhymne mit, auch die Jungen. Am Rand verfolgen zwei Glatzenträger mit Springerstiefeln die Szene. Sie wirken unfroh. Nichts zu holen hier für sie.

So hätte das gerne weitergehen können. Soll doch die SPD sich aufregen über präsidialen Wahlkampfstil, soll sie schimpfen über Inhaltsleere und Ideenklau – Merkel ist halt die beliebteste Kanzlerin seit Demoskopengedenken! Im Schlafwagen zur Macht? Na und?

Nun muss man an dieser Stelle schon einfügen: Vom Sinn des Kanzlerinnen-Wohlfühlwahlkampfs sind auch in den eigenen Reihen längst nicht alle überzeugt gewesen. Sie haben einer Theorie nie ganz getraut, die sich der Generalsekretär Ronald Pofalla von Demoskopen wie Dieter Roth von der Forschungsgruppe Wahlen geborgt hat. Roth steht am Sonntagabend im Studio H in Berlin-Adlershof, er hat sich das Duell dort angeguckt. Man müsse schauen, sagt er, wie stark sich die kognitive Dissonanz auswirke. "Kognitive Dissonanz" ist das, was normale Menschen einen Zwiespalt nennen. In dem befinden sich vermutlich jene Leute, die die Kanzlerin Merkel okay finden, aber bisher immer SPD gewählt haben oder auch Grüne. Wenn der Zwiespalt groß ist, bleiben sie vielleicht daheim.