Einen Tag nach der Niederlage der SPD bei der Bundestagswahl kündigt Franz Müntefering seinen Rückzug vom Parteivorsitz an. © Miguel Villagran/Getty Images

Es gibt viele Möglichkeiten sich aus der Politik zu verabschieden. Franz Müntefering kennt sie alle. Schließlich war er mehr als einmal dabei, wenn in der SPD in den letzten Jahren ein Vorsitzender aus dem Amt getrieben wurde. Es ist auch nicht das erste Mal, dass er sich selbst von einem politischen Amt verabschiedet. Als Parteivorsitzender ist er zurückgetreten und als Bundesarbeitsminister.

Müntefering weiß: Es gibt die Möglichkeit, gerade heraus von Rücktritt zu reden oder die politische Verantwortung für eine Wahlniederlage zu übernehmen. Müntefering wählt am Montag einen dritten Weg, um seinen Rückzug vom SPD-Vorsitz anzukündigen. Es ist ein Weg, den selbst viele, die am Montag dabei stehen und ihm zuhören, im ersten Moment nicht verstehen.

 Minutenlang redet Müntefering um den heißen Brei herum, als er am Montagnachmittag vor die Presse tritt. Plötzlich verliert sich der Sozialdemokrat, der eigentlich bekannt ist für seine klaren Worte und seine kurzen Sätze, in Nebensätzen und Andeutungen. Müntefering eiert herum und vielleicht ist dies ja auch gar nicht verwunderlich. Die SPD ist schließlich alles andere als in einer beneidenswerten Lage. Die Partei ist in Aufruhr. Präsidium und Vorstand der SPD tagen zu diesem Zeitpunkt am Montag schon seit fünf Stunden und die Diskussion ist längst noch nicht beendet.

Die desaströse Wahlniederlage vom Sonntag beschäftigt die Partei. 40 Wortmeldungen hat es im Vorstand bereits gegeben. Über die Ursachen wird diskutiert und über die Verantwortlichen. Auch zwei konkrete Rücktrittsforderungen an den Parteichef habe es gegeben, so berichtet Müntefering den Journalisten, doch zunächst sagt dieser nur, "ich habe darauf jetzt nicht geantwortet".

Dies ist der erste Akt einer Rückzugsankündigung, die die Journalisten dem SPD-Chef in den nächsten 15 Minuten, Satz für Satz, aus der Nase ziehen. Am Ende hat Müntefering seinen Rückzug vom Parteivorsitz angekündigt, ohne das Wort Rückzug oder gar Rücktritt in den Mund genommen zu haben.

Die Frage, warum sich Franz Müntefering so schwer tut, die politische Verantwortung für den Absturz der SPD vom Sonntag zu übernehmen und klar heraus von Rücktritt zu sprechen, lässt sich nicht so einfach beantworten. Sah es am Sonntagabend noch so aus, als versuche Müntefering sich an sein Amt zu klammern, erweckt er rund 20 Stunden später den Eindruck, als versuche er in einer letzten taktischen Volte zumindest noch bei der Suche nach seinem Nachfolger ein gewichtiges Wort mitzureden.

Er wolle "mithelfen, uns für die kommende Zeit personell neu aufzustellen", sagt Müntefering. Von einem "Personaltableau", das es "bis zur übernächsten Woche" zu erarbeiten gelte, spricht er. Er werde in den nächsten zehn bis 14 Tagen mit den Verantwortlichen in der Partei darüber diskutieren, mit dem Vorstand, den Landes- und Bezirksvorsitzenden und den Ministerpräsidenten. Anschließend formuliert er den zweiten Teil seiner Rückzugsankündigung und sagt: "Bis dahin will ich meine Verantwortung wahrnehmen." Von einer weiteren Amtszeit als Parteivorsitzender ist, anders als am Abend zuvor, keine Rede mehr.