Ursprünglich rebellierte nur die Feministin Verena Becker. Sie zog mit einer Freundin nachts durch Berlin, um die Scheiben von Sexläden einzuschlagen. Als Erkennungszeichen hinterließ sie Aufkleber mit der Aufschrift "Die schwarze Braut kommt". Verena Becker wurde 1952 in Berlin geboren, als eines von zehn Kindern eines Bergbautechnikers, der 1961 starb. Sie besuchte die Gottfried-Kinkel-Oberschule (Realschule) in Berlin-Spandau und verdiente ihr Geld danach in einer Fleischwarenfabrik, als Telefonistin oder als Gelegenheitsarbeiterin. Im Herbst 1971 schloss sich die 19-Jährige mit ihrer Freundin Inge Viett der "Schwarzen Hilfe" an, eine Gruppe, die sogenannte politische Gefangene unterstützte. Im Dezember 1971 war Becker polizeilich nicht mehr gemeldet. In der "Schwarzen Hilfe" lernte sie Leute wie "Bommi" Baumann kennen, die dabei waren, die anarchistische "Bewegung 2. Juni" aufzubauen. Becker und Viett schlossen sich an. Benannt hatte sich die Gruppe nach dem Todestag des Studenten Benno Ohnesorg, der 1967 nach Krawallen wegen des Schah-Besuchs von dem Polizisten und Stasi-Spitzel Karl-Heinz Kurras erschossen worden war.

Die Mitglieder des "2. Juni" lebten allerdings zunächst in einem Spannungsverhältnis zu den RAF-Angehörigen. Der "2. Juni" betrachtete Berlin als einziges Operationsgebiet und dachte weniger dogmatisch als die RAF. Die warf den Waffenbrüdern mangelnde revolutionäre Gesinnung vor. Allerdings kostete ein Bombenanschlag des "2. Juni" ein Menschenleben. Der Sprengsatz sollte nachts im Britischen Jachtclub Berlin-Gatow hochgehen. Er explodierte aber erst, nachdem ein Bootsbauer die Bombe in einer Tasche entdeckt hatte und möglicherweise an ihr herumhantierte. Wegen dieses Anschlags erhielt Becker eine Jugendstrafe von sechs Jahren. 1975 wurde sie von einem Kommando des "2. Juni" mit vier weiteren Gesinnungsgenossen frei gepresst. Die Terroristen hatten den Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz entführt. Die frei gepressten Gruppenmitglieder flogen in den Südjemen und erhielten in einem palästinensischen Lager eine militärische Ausbildung. In dieser Zeit ist Becker zur RAF gewechselt.

WIE LINIENTREU WAR SIE?

Sehr. Allein schon die Tatsache, dass sie nach ihrer Freipressung zur RAF überwechselte, zeigt ihre Gewaltbereitschaft. Die RAF hatte keinerlei Skrupel, Menschen zu ermorden. Wie skrupellos auch Becker war, zeigt ihre Festnahme in Singen, vier Wochen nach dem Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Die Polizei war von einer Rentnerin auf Becker und das RAF-Mitglied Günter Sonnenberg aufmerksam gemacht worden. Das Pärchen frühstückte in einem Café und wurde von zwei Streifenbeamten eher arglos um die Pässe gebeten. Damals gingen ständig Hinweise auf RAF- Mitglieder bei der Polizei in Singen ein. Obwohl in ihren Umhängetaschen gut gefälschte Ausweise waren, lockten Becker und Sonnenberg die Beamten zu einem Auto. Angeblich lagen dort die Papiere. Am Fahrzeug schossen sie unvermittelt; die Beamten blieben schwer verletzt liegen. Becker und Sonnenberg zerrten einen Autofahrer aus seinem Fahrzeug und flüchteten. Im Auto versuchte Becker, mit einem Sturmgewehr auf die verfolgende Polizei zu schießen. Es war das Gewehr, mit dem Buback und seine Begleiter erschossen worden waren. Da es ihr aber nicht gelang, das Gewehr durchzuladen, warf sie es auf den Rücksitz. Auf einer Wiese dann schossen sie und Sonnenberg wild um sich. Ein Polizist traf Becker im linken Unterschenkel, Sonnenberg wurde hinter dem rechten Ohr getroffen. In Beckers Gepäck waren Revolver, Pistolen und Reservemagazine. Becker gehörte auch zu jenen RAF-Mitgliedern, die durch die Entführung von Hanns Martin Schleyer, den Präsidenten des Arbeitgeberverbands, frei gepresst werden sollten.

WAS SPRICHT DAFÜR, DASS SIE AM BUBACK-MORD BETEILIGT WAR?

Sehr viel inzwischen. Der Umstand, dass ihre DNS an dem Bekennerschreiben gefunden wurde, rundet ein Gesamtbild ab. Sie war wegen eines Sprengstoffanschlags inhaftiert, sie wechselte zur RAF, erhielt eine militärische Ausbildung und war in Begleitung von Sonnenberg. Der hatte in Düsseldorf die Suzuki angemietet, auf deren Rücksitz der Todesschütze saß. Außerdem hatte sie die Tatwaffe in Händen. Allerdings konnte nie festgestellt werden, ob Becker oder Sonnenberg das Sturmgewehr im Gepäck hatte. Dann gibt es noch die Aussagen von zwei Zeugen, die eine "zierliche Person, wohl eine Frau" auf dem Rücksitz gesehen haben wollen. Der Wahrheitsgehalt dieser Aussagen ist aber zweifelhaft.