Frank Walter Steinmeier wird Nachfolger von Peter Struck im Amt des Fraktionschefs der SPD. Zwei Tage nach der historischen Niederlage bei der Bundestagswahl wurde der gescheiterte Kanzlerkandidat am Dienstag von der neuen Fraktion gewählt. Nach Angaben von Struck stimmten 88 Prozent der SPD-Abgeordneten für Steinmeier. Er erhielt 126 Ja-Stimmen, 16 Parlamentarier votierten mit Nein.

Steinmeier sprach nach der Fraktionssitzung von einem "hohen Maß an Vertrauen". Die SPD müsse künftig jederzeit in der Lage sein, wieder die Regierung zu übernehmen. "Dafür will ich antreten." Steinmeier dankte Struck für acht Jahre Fraktionsführung. Er versprach, verantwortungsvoll mit dem Job umzugehen.

Die Arbeit in der Opposition nannte Steinmeier "eine wichtige Rolle in der Demokratie". Damit grenzte er sich wohl nicht zufällig von dem noch amtierenden Parteichef Franz Müntefering ab, der Opposition als "Mist" bezeichnet hatte. Die SPD wolle ab sofort daran arbeiten, dass die Oppositionszeit möglichst kurz werde, so Steinmeier.

Kurz vor der Sitzung hatte Steinmeier bereits angekündigt, er wolle nicht Parteichef werden. Die Verantwortung in der Partei solle auf mehrere Schultern verteilt werden. Thomas Steg, Steinmeiers Medienberater im Wahlkampf, wollte nicht bestätigten, dass ein konkretes, neues Führungsduo bereits von vielen Genossen gehandelt wird.

Nach Informationen von ZEIT ONLINE sind Sigmar Gabriel als neuer Parteichef und Andrea Nahles als Generalsekretärin im Gespräch. Der noch amtierende Umweltminister Gabriel zählt innerparteilich zu den pragmatischen Netzwerkern. Nahles zu den Parteilinken.

Nach der Fraktionssitzung zogen sich viele Spitzengenossen zu weiteren Gesprächen in kleineren Runden zurück. Steinmeier unterhielt sich länger mit Gabriel. Der trat anschließend im Blitzlichtgewitter vor den Aufzug, wartete, genoss die Aufmerksamkeit, sagte aber kein Wort. Steinmeier verließ den Fraktionssaal durch einen Hinterausgang.

Mehrere Fraktionsmitglieder warben nach der Sitzung mehr oder weniger offen für andere Kandidaten als Gabriel für die Parteispitze. Genannt wurde auch Andrea Nahles. Sie vermied es am Dienstag, vor die Presse zu treten. Ob die stellvertretende Parteichefin das Amt der Generalsekretärin anstrebt, wie schon einmal vor vier Jahren, ist – wie so vieles noch offen.

Mehrere Genossen verwiesen darauf, dass sie vor allem mit Gabriel Probleme hätten. Er gilt vielen als zu sprunghaft. Die Entscheidung wird letztlich auf dem Parteitag im November getroffen. Steg verwies aber darauf, dass Ende kommender Woche das Parteipräsidium wieder zusammen kommen und beraten werde.



Zuvor hatte Finanzminister Peer Steinbrück angekündigt, dass er auf dem Parteitag im November wie erwartet nicht erneut für den stellvertretenden Parteivorsitz kandidieren werde. "Ich werde auch keine Ämter in der Fraktion übernehmen", sagte Steinbrück weiter. Er wolle damit den Weg freimachen für Jüngere. Nach 16 Jahren als Landesminister, Ministerpräsident und Bundesminister bat er um Verständnis, dass er über seine eigene Zeit etwas freier verfügen wolle. Sein Bundestagsmandat werde er selbstverständlich annehmen. "Insofern ist das kein vollständiger Abschied aus der Politik", sagte Steinbrück.

Auch SPD-Generalsekretär Hubertus Heil kündigte seinen Rückzug an. Er werde beim Parteitag in Dresden Mitte November nicht mehr für dieses Amt kandidieren, teilte der 36-Jährige am Dienstag mit. Er war im Jahr 2007 vom damaligen Parteichef Matthias Platzeck als Generalsekretär geholt worden. Dessen Nachfolger Kurt Beck und Franz Müntefering behielten Heil im Amt.