"Ich bin mit Steinmeier überhaupt nicht einverstanden – weder als Fraktionschef noch als Parteivorsitzender." Norbert Nieszery redet sich in Rage. Er ist promovierter Historiker und Landesvorsitzender der SPD in Mecklenburg-Vorpommern. Sein Landesverband erzielte bei der Bundestagswahl 16,6 Prozent, nur mehr die Hälfte von dem Ergebnis von 2005. Statt vier schickt die Nordost-SPD nun nur noch zwei Abgeordnete nach Berlin.

Nieszery sagt ZEIT ONLINE: "Steinmeier steht für einen massiven Vertrauensverlust." Er bezeichnet ihn als "Zuchtmeister", als Agenda-Architekt und gibt ihm noch ein paar andere, wenig nette Namen. Wenn Steinmeier heute als Fraktionschef im Bundestag gewählt wird, werde das aus "alter Disziplin" geschehen, die typisch für die SPD sei. "Aber er ist sicher kein Kandidat der Herzen." Manche würden ihn wohl nur mit der Faust in der Tasche wählen.

Nieszery wünscht sich, dass Steinmeier "sich zurückzieht". Er begrüßt, dass Parteichef Franz Müntefering am gestrigen Montag sein Amt zur Verfügung gestellt hat. Verklausuliert zwar, aber doch für alle Genossen klar und deutlich genug. Sein Abgang wird in keinem Gespräch mehr angezweifelt. Gerade der Osten, wo die SPD flächendeckend herbe Verluste einfuhr und im Durchschnitt gerade 18 Prozent holte, könne mit der alten Führungsriege nichts anfangen, sagt Nieszery.

Stimmt das? Ein einflussreicher Politiker der Thüringer SPD sagt, es sei Konsens in der Partei, dass Müntefering weg müsse. Er stehe wie kaum ein zweiter für die Regierungsära der SPD, die am Sonntag nun mal beendet worden ist. Müntefering habe das zunächst nicht einsehen wollen, sagt der Genosse, inzwischen habe er erkannt, dass er keine Mehrheit mehr habe. Ob Steinmeier noch der richtige Mann ist? Der Thüringer überlegt kurz. "Wer ist die Alternative?", fragt er zurück.

Eine wäre womöglich Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, dem seit Längeren Ambitionen auf ein Führungsamt auf Bundesebene nachgesagt werden. Sicher kein Zufall, dass sein Landesverband noch am Montagabend eine umfassende personelle Erneuerung der Partei forderte. "Ein glaubwürdiger Neuanfang in der SPD ist nur ohne Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier möglich", ließ sich heute der Berliner Landeschef Michael Müller von mehreren Medien zitieren. Wowereit selbst will sich zu seinen Ambitionen nicht äußern. Er sagt lediglich: "Die SPD braucht neue Gesichter."

Wowereit allerdings hat keine Chance. Hört man sich um, stellt man schnell fest, dass der Berliner kaum eine Mehrheit hinter sich vereinen könnte. "Mit ihm würde sich die SPD keinen Gefallen tun. Dann wäre sie festgelegt auf eine Richtung, nämlich Rot-Rot", sagt ein Genosse, der nicht zitiert werden möchte. Ein anderer weist nicht ohne Schadenfreude darauf hin, dass das Berliner Ergebnis bei der Bundestagswahl "desaströs" war.

Wer dann? Gegen Steinmeier gibt es Widerstand, gegen Wowereit fast noch mehr. Weithin angesehene Ministerpräsidenten, die normalerweise für neu zu besetzende Parteichefposten infrage kommen, hat die SPD kaum mehr. Kurt Beck und Matthias Platzeck waren schon mal an der Spitze. Sie wurden weggemobbt oder hatten keine Kraft mehr. Eine Rückkehr einer der beiden ist nach dem jeweils unrühmlichen Abgang äußerst unwahrscheinlich. Nicht von ungefähr plädieren beide dafür, dass Steinmeier beide Ämter übernehmen solle.