ZEIT ONLINE: Herr Spreng, welches Kaninchen kann Frank-Walter Steinmeier am Sonntag im Fernseh-Duell noch aus dem Hut ziehen, um den Rückstand auf Angela Merkel zu verkleinern?

Michael Spreng: Am Sonntag treten zwei Regierungsvertreter gegeneinander an. Das ist das größte Handicap für Steinmeier. Normalerweise arbeitet sich der Herausforderer an der Regierungsbilanz ab. Das wird ihm als Vizekanzler schwer fallen. Frau Merkel war vier Jahre lang seine Chefin.

ZEIT ONLINE: Dennoch, wären Sie sein Medienberater, welche Strategie würden Sie ihm raten?

Spreng: Steinmeier muss versuchen, Merkel seine Themen aufzuzwingen. Es sollte sich drei griffige Einzelpunkte aus seinem Deutschlandplan herausgreifen. Er darf nicht zu abstrakt sein, sondern muss konkrete Beispiele suchen. Er muss über Zukunftschancen reden, versuchen, die Agenda der Sendung zu bestimmen. Aber, das ist ein Problem von Steinmeier: Er mag sperrige Begriffe und Superlativ-Ziele: Von seinem – nicht uninteressanten – Deutschlandplan blieb einzig hängen, dass er vier Millionen Arbeitsplätze schaffen soll. Das glaubt ihm keiner, weil die Zahl unglaubwürdig wirkt. Er sollte mehr über die Maßnahmen auf dem Weg dahin reden.

ZEIT ONLINE: Wie giftig darf er auftreten? Ist es ratsam, Merkel direkt anzugreifen?

Spreng: Nein, Giftigkeit kommt beim deutschen TV-Publikum überhaupt nicht an. Er muss hart sein in der Sache, argumentativ, aber niemals aggressiv, niemals polemisch. Merkel wird unbeirrt ihre Kontroversen-Vermeidungsstrategie beibehalten, die sie den ganzen Wahlkampf über schon zeigt. Er muss ihre Teflonschicht durchbrechen – und seine eigene Beamtenmentalität ablegen. Wenn es gut für ihn läuft, haben die Leute am Ende das Gefühl: Merkel sei ihm ausgewichen.

ZEIT ONLINE: Was darf er auf keinen Fall tun? Was sind die dont's bei solchen TV-Duellen?

Spreng: Man muss höllisch aufmerksam sein. Edmund Stoiber ist 2002 mit gewissem Recht vorgeworfen worden, er habe sich seinem Kontrahenten Gerhard Schröder nicht zugewandt. Das sieht schnell arrogant aus, als ob man nicht zuhört.

ZEIT ONLINE: Wie bereitet man sich auf so ein Duell eigentlich vor? Wie lange haben Sie 2002 mit Edmund Stoiber geübt?

Spreng: Wir haben uns zweieinhalb Tage vor dem Duell Zeit genommen. Dabei habe ich gelegentlich den Schröder gegeben und Stoiber ordentlich angegriffen (lacht). Es war angenehm: Stoiber ist lernwillig, überhaupt nicht beratungsresistent, wie manchmal behauptet wird.

ZEIT ONLINE: Sollte man sich besser auf das eigene Programm – oder auf den Gegner vorbereiten?

"Schröder war 2002 nicht vorbereitet - das rächt sich"

Spreng: Beides! Man muss seine Argumente einüben und verknappen. Man muss sich vorher klar werden, welche Themen man unbedingt setzen möchte. Gleichzeitig muss man sich die möglichen Antworten des Gegners vorher überlegen – und Konter vorbereiten.  

ZEIT ONLINE: Gilt das auch für die Amtsinhaberin? Muss sich Merkel im Vorfeld intensiv mit Steinmeiers Programm auseinander setzen?

Spreng: Unbedingt. 2002 war Schröder beim ersten Duell kaum vorbereitet. Das haben die Zuschauer gemerkt. Deshalb gab's ein Unentschieden oder einen knappen Sieg für Stoiber, weil er besser war, als von den meisten erwartet. Beim zweiten Mal war Schröder dann topp vorbereitet.