Diese Zahlen könnten für das Ergebnis der Bundestagswahl ausschlaggebend sein: Nach einer aktuellen Infratest-Umfrage zur Bundestagswahl liegt die CDU in Baden-Württemberg bei nur noch 34 Prozent, dafür steigt die FDP auf 18 Prozent. Das Schwächeln der Südwest-CDU hat eine paradoxe Konsequenz: Sie wird mehr Mandate bekommen, als ihr nach dem Stimmenverhältnis eigentlich zustehen. Der Stuttgarter Bundesratsminister Wolfgang Reinhart geht davon schon aus: "Ich bin zuversichtlich, dass Baden-Württemberg mehrere Überhangmandate in den neuen Bundestag einbringen wird."

Das ist nichts Neues, aber am 27. September könnte erstmals eine Bundestagswahl so enden, dass eine Regierung (Union plus FDP) nur dank solcher Überhangmandate ins Amt kommt, also nach dem reinen Stimmenverhältnis gar keine Mehrheit hat. Der Wahlforscher Joachim Behnke hat in einer Simulation errechnet, dass es zu 23 Überhangmandaten kommen kann. Richard Hilmer von Infratest dimap glaubt sogar, dass "im Extremfall" 44 bis 45 Prozent der Stimmen für Union und FDP reichen könnten, um dank dieser Zusatzmandate zu regieren. Denn im Bundestag werden – im Gegensatz zu einigen Landtagen – Überhangmandate nicht gemäß dem Stimmenverhältnis ausgeglichen. Die Kanzlerin kalkuliert offenbar damit: "Das Überhangmandat ist kein Mandat zweiter Klasse", sagte Angela Merkel (CDU) am Freitag. Auch mit solchen Mandaten sei eine "stabile Mehrheit" möglich.

Wie kommen Überhangmandate zustande?

Die Faustregel ist: Überhangmandate kommen dann zustande, wenn die beiden großen Parteien Union und SPD in ihren (einstigen) Hochburgen schwach auf der Brust werden und die Konkurrenz relativ gut abschneidet. Denn Überhangmandate entstehen dadurch, dass eine Partei in einem Bundesland (und der Bundestag wird im Wesentlichen nach Landesergebnissen zusammengesetzt) mehr Direktmandate bekommt, als ihr für das Land nach dem reinen Verhältniswahlrecht eigentlich zustünde. Und da Direktmandate bei Bundestagswahlen fast nur die Union und die Sozialdemokraten bekommen (mit den wenigen Ausnahmen der Linken-Direktmandate im Osten und des Grünen Christian Ströbele in Friedrichshain-Kreuzberg), entfallen Überhangmandate auch nur auf sie. Am Beispiel Baden-Württemberg sieht das dann so aus: Dort kann die CDU nach der Prognose des Hamburger Wahlinformationsdienstes "election.de" mit 34 bis 36 der 38 Direktmandate rechnen. Zwar ist wegen des etwas komplizierten Verrechnungsmodus aller bundesweiten Stimmen auf die einzelnen Länder eine exakte Prognose schwer. Aber angenommen, die Infratest- Umfrage mit 34 Prozent kommt dem Ergebnis nahe, dann dürfte die Landes- CDU nach dem Stimmverhältnis nur 27 oder 28 der ungefähr 79 Bundestagssitze bekommen, die am Ende (inklusive der Listenmandate) auf Baden-Württemberg entfallen könnten. Und das heißt: Es könnten am Ende bis zu acht Überhangmandate für die Südwest-CDU anfallen. Die nicht gestrichen werden können, da es direkt von einem Bewerber gewonnene Sitze sind – sie sind also in der Tat keineswegs "zweitklassig" oder anrüchig.

Wie sah es bei vergangenen Wahlen aus?

Überhangmandate gab es schon immer, und sie waren bisweilen auch nicht unwichtig für die Mehrheitsverhältnisse. Nur zwischen 1965 und 1980 gab es keine, das waren die Jahre, als Union und SPD klar dominierten. 2005 fielen neun Überhangmandate an die SPD in Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Hamburg und im Saarland. Für die CDU gab es sieben in Sachsen und Baden-Württemberg. 1994 bedeuteten die zwölf Überhangmandate für die CDU, dass die ansonsten sehr knappe schwarz-gelbe Mehrheit doch etwas komfortabler war. 2002 blieb die SPD nur dank dreier Überhangmandate stärkste Fraktion.