Es ist schon ein ziemlich seltsames Schauspiel, das CDU und CSU derzeit aufführen. Da lässt der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer auf der einen Seite keine Großveranstaltung aus, um sich Seit an Seit mit seiner CDU-Schwester Angela Merkel als deren ergebenster Diener zu präsentieren. Und dann dauert es doch wieder höchstens Tage bis auf offener Bühne ein neuer Streit ausgetragen wird.

Diesmal also geht es um ein sogenanntes 100-Tage-Programm. Schon lange blickt die CSU skeptisch auf den Wahlkampf der Schwesterpartei, die vor allem auf den Kanzlerbonus setzt. Seit Merkel nun auch noch im Fernsehduell nicht ganz so gut abgeschnitten hat, wie Christsoziale und Christdemokraten erhofft hatten, hat sich die unterschwellige Nervosität der CSU in hektischen Aktionismus verwandelt.

Noch vor der Wahl will die Partei einen Katalog von Maßnahmen präsentieren, der das Positive einer schwarz-gelben Koalition sichtbar machen soll – obwohl es doch gerade die CSU war, die in den letzten Wochen nicht müde wurde, auf die FDP einzuschlagen, um der möglichst viele Zweitstimmen abzujagen.

Was die CSU nun als Wahlkampfcoup verkaufen will, mutet in mehrfacher Hinsicht merkwürdig an. Zum einen wissen auch die Bayern, dass gerade konservative Wähler kaum etwas so wenig goutieren wie Uneinigkeit und Streit. Gleichwohl ist Seehofer offenbar davon überzeugt, dass die positive Wirkung seines Programms diesen Negativeffekt überkompensieren wird.

Doch welcher Wähler wird sich im Ernst von einem solchen ganz offensichtlich in letzter Minute und von der Angst der Wahlniederlage diktierten Maßnahmenbündel beeindrucken lassen? So leichtgläubig sind die meisten Bürger dann doch nicht.

Zum anderen aber wird erneut offenkundig, wie zerrüttet das Verhältnis zwischen Merkel und Seehofer mittlerweile ist. Denn die Entscheidung für oder gegen ein eigenständiges Wachstumsprogramm, die der CSU-Chef nun eigenmächtig revidiert, ist in der Union eigentlich bereits vor Wochen gefallen.

Nachdem SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier Anfang August seinen sorgfältig ausgearbeiteten Deutschland-Plan vorgestellt hatte, hatte die CDU beschlossen, sich davon nicht aus der Reserve locken zu lassen. Sie verwies auf ihr Regierungsprogramm – und fertig. Auch als die Landtagswahlen am 30. August nicht den gewünschten Siegeszug für Schwarz-Gelb brachten, wurde die Devise ausgegeben: Ruhe bewahren, kein Strategiewechsel.