Udo Pastörs sitzt in seinem schönen Erkerzimmer des barocken Schweriner Schlosses, schaut auf den See, der in der Oktobersonne glänzt, und denkt über die Zukunft der Partei und ihrer Finanzen nach. Für ihn ist es eine zwiespältige Nachricht, dass der Hamburger Anwalt Jürgen Rieger, einer der führenden Köpfe und zugleich größter Geldgeber der braunen Partei, am Donnerstag den Folgen eines Hirnschlags erlegen ist.

Denn der Fraktionsvorsitzende der NPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern gehörte zuletzt zu den schärfsten Kritikern von Jürgen Rieger. Weil sich der wohlhabende Rechtsanwalt und Immobilieneigentümer in der Finanzkrise der Partei eng an die Seite des Bundesvorsitzenden Udo Voigt gestellt hatte, ihn schützte und stützte mit all seiner juristischen und finanziellen Macht, auch als parteiinterner Revisor, griff Pastörs ihn immer wieder an. Ohne die Fürsprache von Jürgen Rieger, der den besonders radikalen Parteiflügel repräsentiert und ohne Riegers private Darlehen wäre Voigt wohl schon längst nicht mehr im Amt.

Immer wieder hatten Pastörs und andere Voigt die Schuld für den Finanzskandal gegeben, der die Partei vor einem Jahr an den Rand des Ruins brachte. Der inzwischen verurteilte ehemalige Schatzmeister der NPD, Erwin Kemna, ein weiterer Vertrauter Voigts, hatte Geld aus der Parteikasse veruntreut und Rechenschaftsberichte gefälscht. Überdies wurden unsaubere Methoden bei der Spendenpraxis bekannt. Deshalb muss die Partei Millionen aus der Parteienfinanzierung an den Bundestag zurückzahlen. Geld, das sie nicht mehr hat.

"Die Nachricht, dass Jürgen Rieger einen Hirnschlag erlitten hat, erreichte mich schon sehr früh. Und danach habe ich mir natürlich schon Gedanken darüber gemacht, was nun passiert, wenn er nicht mehr aufwacht", sagt Pastörs. Über diese Gedanken mag er jetzt noch nicht sprechen. "Zu gegebener Zeit müssen wir die Situation neu bewerten, und natürlich spielen die Parteifinanzen dabei eine wichtige Rolle." Für die Verhältnisse des sonstigen Lautsprechers Pastörs sind das sehr zurückhaltende Worte. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis er sich nicht mehr zurückhält.

Mit Voigt selbst hat Pastörs bislang nicht gesprochen, "dazu hatte ich keine Zeit", behauptet er. Längst schon ist die Kommunikation zwischen der Parteispitze und den beiden wichtigen Landtagsfraktionen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen mehr als nur gestört; sie ist abgeschnitten. Pastörs und Holger Apfel, der Fraktions- und Parteichef in Dresden, hatten zu Jahresbeginn versucht, Voigt wegen des Finanzskandals zu stürzen. Sie fürchteten um die erwarteten Erfolge im Superwahljahr, in das sie nicht mit einem angeschlagenen Vorsitzenden ziehen wollten.

Zunächst misslang der Putschversuch, dann misslangen die Wahlen aus NPD-Sicht – nur in Sachsen hatten sie Erfolg. Deshalb dürfte spätestens nach der Beerdigung von Jürgen Rieger der parteiinterne Streit neu aufbrechen, den die NPD im diesjährigen Wahlkampfsommer kurzweilig hatte ruhen lassen.

Apfel zog sich nach Sachsen zurück, und konzentrierte sich auf die dortige Landtagswahl. Der Wiedereinzug der NPD in den Dresdener Landtag blieb der einzige Ausreißer unter zahlreichen Wahlniederlagen. Die NPD ist nunmehr nur noch eine Regionalpartei-Ost.