Es soll eine sehr emotionale Debatte gewesen sein, über vier Stunden diskutierte der thüringische SPD-Landesvorstand am Mittwochabend über Rot-Rot-Grün. Am Anfang soll die Stimmung eher für ein Bündnis gesprochen haben. Gegen Mitternacht jedoch erteilte die SPD weiteren Gesprächen mit Grünen und Linkspartei eine Absage. Landeschef Christoph Matschie setzte sich im Parteivorstand mit 18 zu 6 Stimmen durch. Es sei schwer gewesen, "auf einen gemeinsamen Nenner" zu kommen und Vertrauen zu entwickeln, sagte dieser noch in der Nacht. Jetzt will Matschie zügig mit der CDU über die Bildung einer schwarz-roten Landesregierung verhandeln.

Natürlich sind Linke und Grüne enttäuscht. Ramelow sprach im Interview mit ZEIT ONLINE von einem "unseligen Ende eines unwürdigen Schauspiels". Die SPD habe in den letzten vier Wochen "nie ernsthafte Gespräche geführt", es habe in der Partei "keinen Willen gegeben, einen Politikwechsel herbeizuführen". Nun begebe sich die Partei endgültig in die "babylonische Gefangenschaft der CDU".

Auch die grüne Spitzenkandidatin Astrid Rothe-Beinlich gibt der SPD die Schuld: "Wenn die SPD Schwarz-Rot will, soll sie es tun", aber keine "aberwitzigen Begründungen für das Scheitern der Gespräche hervorzaubern", so die Grünen-Politikerin. Zwar habe es inhaltliche Differenzen gegeben, "aber wenn alle gewollt hätten, wären wir auf einen gemeinsamen Nenner gekommen". Ausdrücklich würdigte Rothe-Beinlich die Bereitschaft der Linken, sich kritisch mit ihrer DDR-Vergangenheit auseinanderzusetzen, da habe sich die Partei "sehr bewegt".

Offenbar gibt es jedoch durchaus unterschiedliche Wahrnehmungen der Gespräche. Für die SPD hatten sich dabei auch große inhaltliche Differenzen offenbart. Zum Beispiel in der Finanzpolitik oder der Wirtschaftspolitik. "Gedemütigt" hatten sich die sozialdemokratischen Gesprächsteilnehmer unter anderem dadurch gefühlt, dass die Linke die Verabredung von Bundesratsinitiativen zum Beispiel gegen Hartz IV verlangt habe. Auch bei den Grünen hatten die Sozialdemokraten den Eindruck, dass die Fraktion zerstritten sei. "Wir wussten nicht, woran wir sind", hieß es in sozialdemokratischen Verhandlungskreisen.

Doch letztendlich stand vor allem die Ministerpräsidentenfrage einer Einigung im Wege. Zwar waren Linke und SPD zuletzt deutlich aufeinander zugegangen. Sowohl Bodo Ramelow als auch Christoph Matschie hatten ihre Ansprüche auf das Amt zurückgestellt, die Linkspartei hatte in den Verhandlungen sogar ihre Bereitschaft signalisiert, einen Sozialdemokraten zum Ministerpräsidenten zu wählen. Doch die SPD beharrte auf ihrem Vorschlagsrecht und wollte die von der Linken ins Spiel gebrachte Idee einer Findungskommission aller beteiligten Parteien nicht akzeptieren.

Auch Ramelow bestätigt: Die Linke hätte einen Ministerpräsidenten aus den Reihen der SPD gewählt. "Aber wir konnten nicht akzeptieren, dass die SPD die Koalition führt", so der Linken-Spitzenkandidat. Die wäre nach Ansicht der Linken dadurch zum Ausdruck gekommen, dass die SPD den Ministerpräsidenten alleine bestimmt.

Allerdings hatte auch Ramelow in dieser Frage unglücklich agiert. Er hatte im Alleingang und ohne die Thüringer SPD einzubeziehen versucht, die ehemalige Bundespräsidentenkandidatin der SPD, Gesine Schwan, für das Ministerpräsidentenamt zu gewinnen. Diese lehnte ab und informierte stattdessen Christoph Matschie. Schließlich kursierten in Erfurt die unterschiedlichsten Namen und niemand konnte mehr Vorschläge und Gerüchte auseinander halten. Manche Sozialdemokraten fühlten sich durch das Vorgehen der Linken "zum Narren gehalten".