Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin hat sich am Donnerstag für seine umstrittenen Äußerungen über das Zuwanderermilieu Berlins entschuldigt. "Die Reaktionen, die mein Interview verursacht hat, zeigen mir, dass nicht jede Formulierung gelungen war", heißt es in einer persönlichen Mitteilung. Es sei nicht seine Absicht gewesen, einzelne Volksgruppen zu diskreditieren. "Sollte dieser Eindruck entstanden sein, bedauere ich dies sehr und entschuldige mich dafür", erklärte der frühere Berliner Finanzsenator.

Sarrazin hatte in einem Gespräch mit der Berliner Kulturzeitschrift Lettre International unter anderem die mangelnde Integration vor allem von Türken und Arabern in Berlin kritisiert. Zudem sagte er, andere Migrantengruppen wie Vietnamesen oder einige Osteuropäer hätten weniger Sprachprobleme und integrierten sich besser. Zugleich holte Sarrazin zum Rundumschlag gegen seine frühere Wirkungsstätte aus: Berlin sei insgesamt belastet durch zwei Faktoren: "der 68er-Tradition und dem Westberliner Schlampfaktor. Es gibt auch das Problem, dass vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden".

Der 64-Jährige ist seit dem 1. Mai im Bundesbank-Vorstand und dort zuständig für Bargeld, Informationstechnik und Risiko-Controlling. Zuvor war er sieben Jahre Finanzsenator in Berlin und verpasste der hoch verschuldeten Hauptstadt einen rigiden Sparkurs.

Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt (...) hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel.
Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin

Integration sei eine Bring-Schuld, sagt er im Interview. Und fügt einzelne Sätze hinzu, die Integrations-Politiker schäumen lassen. "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin."

An anderer Stelle heißt es: "Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt (...) hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln. Das gilt auch für einen Teil der deutschen Unterschicht."

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, war so entrüstet, dass er eine inhaltliche Debatte ablehnte: "Das ist unerhört! Zu solchen unsachlichen Äußerungen möchte ich gar keine Stellung nehmen. Dazu sage ich nichts."

 

Die Bundesbank hatte sich in ungewöhnlich scharfer Form gegen die Äußerungen ihres Vorstandsmitglieds Thilo Sarrazin gewandt. "Die Deutsche Bundesbank distanziert sich entschieden in Inhalt und Form von den diskriminierenden Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin in dessen Interview mit Lettre International", teilte die Bank am Mittwoch mit. Sarrazin gebe nicht die Ansichten der Bundesbank wieder, und das Interview stehe in keinerlei Zusammenhang mit seinen Aufgaben bei der Zentralbank. Die Bundesbank ist mit öffentlichen Stellungnahmen meist sehr zurückhaltend. Ihre Vorstände äußern sich generell nur zu Themen, die ihr Ressort betreffen.

Es ist mein Wesen, dass ich sage, was ich denke.
Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin

"Die Reaktionen auf meine Äußerungen haben mir bewusst gemacht, dass Aussagen eines Vorstands der Deutschen Bundesbank wegen der besonderen Stellung der Person und der Institution von der Öffentlichkeit mit großer Aufmerksamkeit und Sensibilität wahrgenommen werden", schrieb Sarrazin und versprach: "Ich werde deshalb in Zukunft bei öffentlichen Äußerungen mehr Vorsicht und Zurückhaltung walten lassen."

Vor seiner Entschuldigung hatte Sarrazin seine umstrittenen Äußerungen zur Hauptstadt und zu Integrationsproblemen von Migranten als "Liebeserklärung" an die Stadt bezeichnet. Der Berliner Zeitung B.Z. sagte er: "Denn was man liebt, betrachtet man auch besonders sorgsam und mit scharfem Auge."

Man solle seine Äußerungen im Gesamtzusammenhang sehen und nicht nur einzelne Teile betrachten, hatte er erklärt. Er beziehe sich auf Fakten: Im Problembezirk Neukölln lebe zum Beispiel gut die Hälfte der Menschen von Hartz IV, im Berliner Durchschnitt seien es hingegen 20 Prozent. "Das alles sind Dinge, die mich, als jemand der Berlin liebt und hier lebt, bekümmern." Integrationsprobleme seien durch den Erfolg von Einwanderer-Kindern im gesellschaftlichen System Deutschlands zu lösen. "Sie müssen zur Schule gehen, sie müssen Deutsch sprechen können und den normalen Aufstieg durch Bildung nehmen." Jeder Mensch habe Potenziale. "Er muss sie allerdings auch nutzen."

Bereits kurz nach seiner Berufung nach Frankfurt hatte Sarrazin Mitte Mai mit einem Stern-Interview für Aufsehen gesorgt. Dort hatte er für eine Art Eltern-TÜV plädiert und wegen der Finanzkrise gewarnt, sich bei einer Geldanlage von Versprechen blenden zu lassen. "Man muss den Leuten sagen, glaube keinem Bankberater", sagte Sarrazin damals. Die Bundesbank hatte auch damals erklärt, die Äußerungen Sarrazins gäben nicht die Position der Bundesbank wieder. 

Auch in den vergangenen Jahren hatte Sarrazin mehrfach Eklats verursacht. Er ließ ausrechnen, dass man sich von dem Hartz-IV-Essenssatz von vier Euro gut ernähren könne. Angesichts teurer Heizungskosten forderte er den Griff zum dicken Pullover. Grund für das ständige Anecken sei seine Offenheit, meinte der langjährige Finanzpolitiker einmal: "Es ist mein Wesen, dass ich sage, was ich denke".