Die Übersetzung fehlt, und das ist Guido Westerwelles Chance. Im Pressesaal des Außenministeriums in Den Haag richtet eine niederländische Journalistin auf Englisch eine Frage an ihn und seinen Gastgeber Maxim Verhagen. Westerwelle hebt die Hand, betont höflich sagt er: "Wait a second, please, because otherwise I cannot understand." Dann wird auch schon das Mikrofon gereicht, die Übersetzerin in der Kabine hört wieder mit, Westerwelle ist auf sicherem Terrain.

Vielleicht ist es gar nicht entscheidend, ob ein neuer deutscher Außenminister perfekt englisch spricht. Das kommt mit der Zeit. Vielleicht sind andere Potenziale und Erfahrungen wichtiger für einen guten Vertreter Deutschlands in der Welt. Doch irgendwie verfolgt die Frage nach den Englischkenntnissen Westerwelle, seit er direkt nach der Wahl einen britischen Reporter düpierte, der eine englische Antwort erbat ("Dies ist Deutschland hier").

Und seither scheint er sich sehr hartnäckig entschieden zu haben, der Frage nicht auszuweichen, sondern die Gelegenheit zu suchen, um es allen zu beweisen: Auch das kann ich! Als Stunden später ein Offizier auf dem roten Teppich des Flughafens Orly in Paris dem Gast meldet, die Republikanische Garde sei angetreten, sagt Westerwelle vernehmlich: "Merci bien, vielen Dank."

Westerwelle weiß, dass alle Augen auf ihn gerichtet sind, er redet sogar darüber. An diesem Montag, es ist seine zweite Woche im Amt, steht er im Bauch des Regierungsairbus ""Theodor Heuss" und erklärt den Journalisten die Welt, den Sinn seiner Reise, ein bisschen auch sich selbst. Er war mit der Kanzlerin am Donnerstag und Freitag in Brüssel, am Samstag allein in Warschau, nun fliegt er erstmals mit einem ganzen Schwung deutscher Journalisten zu Antrittsbesuchen ins Ausland, nach Den Haag und Paris.

Was Westerwelle sagt, darf nicht zitiert werden, das ist üblich bei Reisen mit wichtigen Politikern. Doch interessant ist auch, wie Westerwelle redet, wie er sich präsentiert. Die diplomatischen Fachbegriffe ("in der Reihe bilateraler Begegnungen") purzeln nur so, und auch im vertrauten Geplänkel mit den Berichterstattern 10.000 Meter über dem holländischen Flachland spricht er so akkurat, als werde jedes seiner Worte für die Ewigkeit mitgeschnitten. Während frühere Außenminister im Flugzeug meist hemdsärmelig (Frank-Walter Steinmeier) oder gelegentlich im Sweatshirt (Joschka Fischer) erschienen, achtet Westerwelle sogar jetzt streng auf Form. Jeder Knopf seines dunklen Jacketts bleibt zugeknöpft.

Außen Minister, innen noch unsicher? "Bemitleidenswert angestrengt" hat ein Magazin seine Verfassung dieser Tage beschrieben. Dabei ist es für niemanden eine Schande, ein so schwieriges Amt erst einmal lernen zu müssen. Schließlich fliegt in der "Theodor Heuss" auch ein Fernsehteam mit, dessen Reporter vor laufender Kamera wissen will: "Ist dieser neue Westerwelle noch der Westerwelle, den wir schon kennen?" Keine Frage: Der FDP-Chef ist gerade dabei, sich neu zu erfinden. Er war der freche Generalsekretär, dann der Spaßpolitiker, dann der um Ernst bemühte Oppositionsführer. Und nun lernt er Außenminister im Schnellkurs. Die Fachleute vom Auswärtigen Amt helfen nach, unter anderem mit einer "Druckbetankung mit Papier", wie Westerwelle die dicken Dossiers nennt, die sie ihm zu jedem Gesprächspartner und jedem Problem in die Hand drücken.

Eigentlich sind die ersten Tage gut für ihn gelaufen: Die Polen haben sich gefreut, dass er seine Ankündigung wahr macht, sich in der EU auch um den Osten und die kleineren Mitgliedstaaten zu kümmern. Und schon bei der Antrittsrede vor seinen neuen Mitarbeitern im Auswärtigen Amt am Donnerstag hatte er den richtigen Ton getroffen. Natürlich schmeichelte er den Diplomaten: Er sei stolz, "mit den besten Frauen und Männern, die für Deutschland arbeiten, zusammenzuarbeiten".