Frage: Herr Schabowski, wie geht es Ihnen?

Schabowski: Ich bin 80 Jahre alt. Im letzten halben Jahr bin ich durch viele Krankenstationen gewandert. Gemessen daran, geht es mir schon wieder einigermaßen gut.

Frage: Was für ein Tag ist der 9. November 1989 für Sie?

Schabowski: Der 9. November 1989 ist für mich ein Tag, auf den ich mit Genugtuung und auch mit einem gewissen Stolz zurückschaue. Immerhin hilft er mir heute, die Zeit zu überstehen, wenn man so will. Es gibt Menschen, die durchaus die Rolle von mir auf dieser Pressekonferenz als Versuch respektieren, die Spaltung zwischen Ost und West zu überwinden. Darüber freue ich mich. Die Linkspartei ist der Meinung, dieser Schabowski ist ein Verräter und Schweinhund. Aber es gibt auch hinreichend viele Menschen, die zu mir sagen: Schabowski, ich drücke Ihnen die Hand, ich bin beeindruckt davon, dass Sie sich zu diesem Zeitpunkt aufgerafft haben, diesen Schritt zu vollziehen. Und das, obwohl alles darauf Folgende für manchen durchaus negative Auswirkungen hatte. Aber es ist ein Stück Anerkennung für mich, die mir gut tut.

Frage: Im Vorfeld des 9. November hatte die SED ja noch einmal versucht, das Ruder kräftig herumzureißen, indem der Mann an der Spitze von Partei und Staat, Erich Honecker, gestürzt wurde ...

Schabowski:Honecker wurde am 17. Oktober 1989 abgesetzt. Das war der entscheidende Punkt des Wandels in der Führung der SED. Und es war der Beginn dessen, was sich später als Katastrophe für die SED herausstellte, weil es nämlich ihren Einbruch und den Untergang der DDR einleitete.

Frage: Weil Krenz nicht die Lösung war, die man dem Volk anbieten konnte ...

Schabowski: Krenz war auch in der Runde des Politbüros nicht beliebt. Er war in seinem Verhältnis zu Honecker ein eher devoter Typ.

Frage: Aber waren das nicht alle in der SED-Führung?

Schabowski: Es gab schon Unterschiede. Es gab Leute, von denen man meinte, sie wären in der Lage, die DDR fortzusetzen, und von anderen wusste man, dass sie dazu nicht fähig waren. Aber auf Krenz einigte man sich in der Parteiführung relativ schnell – nicht etwa, weil er als besonders schlau oder standhaft gegolten hätte. Vielmehr war er ein Kompromisskandidat, von dem man dachte, dass man ihn am ehesten wieder loswerden würde. Denn er hatte keine Fürsprecher im Politbüro. Dort saßen ja auch alte Knacker und Dummköpfe, mit denen man ohnehin keine Politik machen konnte. Von Krenz dachten wir, wir würden ihn am schnellsten absetzen können, wenn sich herausstellten sollte, dass wir eine andere Führung brauchten.