Die Tür geht auf, das Blitzlichtgewitter setzt ein. Franz Josef Jung geht mit großen Schritten zum Rednerpult. Alles wirkt wohl überlegt, an diesem Freitag, kurz nach halb zwei im Arbeitsministerium. Seinen letzten Auftritt als Bundesarbeitsminister will Jung mit Würde hinter sich bringen. "Sehr geehrte Damen und Herren. Nach reiflicher Überlegung und dem Handeln nach dem Grundsatz, dass man wichtige Entscheidungen erst eine Nacht überschläft, habe ich heute Morgen die Bundeskanzlerin davon unterrichtet, dass ich mein Amt als Bundesminister der Arbeit und für Soziales zur Verfügung stelle", sagt Jung mit getragenem Ton. "Ich übernehme damit die politische Verantwortung für die interne Informationspolitik des Bundesverteidigungsministeriums gegenüber dem Minister bezüglich der Ereignisse vom 4. September in Kundus."

Drei Sätze, nicht einmal zwei Minuten – das ist Jungs Abschiedspressekonferenz im Arbeitsministerium. Er nickt kurz in die Runde und wird von seinen Personenschützern durch den Seiteneingang aus dem Saal begleitet. "Herr Minister, Herr Minister", ruft noch ein Journalist hinter ihm her. "Was ist denn heute anders als gestern?" Die Frage bleibt unbeantwortet. Die Tür schließt sich. "Herr Ex-Minister", hätte er wohl rufen müssen, scherzt ein Kameramann. "Der ist Geschichte", antwortet ein anderer, während er eilig seine Kamera abbaut.

Im Mittelpunkt des politischen Geschehens hatte Franz Josef Jung schon früh an diesem Tag eins nach dem gestrigen Paukenschlag gestanden. Gerüchte machten die Runde in den Ministerien, im Parlament und den Redaktionen. Wetten wurden darauf abgeschlossen, wann der glücklose Hesse auf das väterliche Weingut im Rheingau zurückkehren werde. Die Opposition forderte vehement Jungs Rücktritt. Jürgen Trittin, der Fraktionsvorsitzende der Grünen, sagte im ARD-Morgenmagazin, der ehemalige Verteidigungsminister habe der Öffentlichkeit und dem Parlament die Unwahrheit gesagt. Selbst der außenpolitische Sprecher der Union, Philipp Mißfelder, räumte gegenüber dem DeutschlandRadio ein, dass es Aufklärungsbedarf gebe.

Jung schwieg. Den gesamten Vormittag über. Dafür redeten andere über ihn.

Eine schöne Gelegenheit dafür bot die Sondersitzung des Verteidigungsausschusses an diesem Morgen. Hinter verschlossener Tür untersuchten die Abgeordneten, was Jung über die Tanklaster-Bombardierung in Kundus wirklich bekannt war: In wie vielen Berichten ist von getöteten Zivilisten die Rede? Welche Akten landeten auf Jungs Schreibtisch? Wer wusste wann was? Die Opposition wollte endlich erfahren, welche Informationen ihr vom Verteidigungsministerium vorenthalten wurden.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg versuchte alle Fragen der Parlamentarier zu beantworten. Doch immer wieder musste er passen. Noch hat auch er nicht alle Informationen seines Verteidigungsministeriums beisammen. Den Ausschussmitgliedern aber versprach er Aufklärung aller Fragen, berichteten Teilnehmer später. Der Minister habe wirklich den Eindruck gemacht, alles anders als Jung machen zu wollen, sagte ein Oppositionspolitiker.