Da verliest in Berlin dieser Günter Schabowski seinen Zettel. Das DDR-Fernsehen ist live dabei. Die Ostberliner rennen zur Mauer. Das historische Drama beginnt. In Bonn singen die Abgeordneten im Plenum das Deutschlandlied. Und wir? Wir sitzen in Warschau. Wie im falschen Film. Der Polenbesuch Kohls hatte ein Programm von fünf Tagen vor sich, samt Besuch in Auschwitz. Das versprach eine Dienstreise der ganz besonderen Art zu werden.

Pressekonferenz im Hotel. Was nun? Einer fragt den Kanzler, ob er den Besuch jetzt unterbrechen werde. Heute versteht man nicht warum, aber die Frage löst eine Lachsalve aus. So phantasielos können Journalisten sein. Kohl lacht nicht. Er ist mit den Gedanken längst daheim, er will ins Bonner Kanzleramt, dorthin, wo es genügend moderne und abhörsichere Telefone gibt. Und er muss nach Berlin, dorthin, wo die Menschen seit Stunden unterwegs sind, quer durch die Stadt, nach Westen.

Dabei geht es dem Kanzler nicht nur um Gefühle und den Platz in der Geschichte, was Präsenz in den geschichtlichen Photos voraussetzt. Es geht auch darum, jetzt bloß keinen Fehler zu machen. Kohl und seine Leute erinnern sich an eine historische Lektion. Als am 13. August 1961 in Berlin der Mauerbau begonnen hatte, war Konrad Adenauer nicht an den Tatort gekommen. Der greise Kanzler hatte wichtigeres auf seinem Programmzettel: Wahlkampf.

Am 17. September würde Bundestagswahl sein, der Kandidat der mit Hilfe ihres Godesberger Programms ideologisch neu orientierten SPD war der Berliner Bürgermeister Willy Brandt, und der war nicht zu unterschätzen. Folglich wollte "der Alte" jeden Fehler vermeiden. Und machte prompt den Fehler, nicht nach Berlin zu reisen. Waren dem rheinländischen Kanzler, wie man ihm nachsagte, die Frontstadt und "der Osten" tatsächlich egal? Nahm er denn keinen Anteil am Schicksal der Ex-Reichshauptstädter? Die 1957 errungene absolute Mehrheit hat Adenauer in der Mauer-Wahl 61 jedenfalls verloren.

10. November vormittags: Ortstermin am Denkmal im Warschauer Ghetto, das an den jüdischen Aufstand im April 1943 erinnert. Ein Pflichttermin, apropos Geschichte. Hier hatte Brandt vor 19 Jahren gekniet, das historische Foto ist längst eine Ikone der deutsch-polnischen Beziehungen, auch wenn es im Grunde ein Symbol der Demut gegenüber den jüdischen Opfern des Nazi-Terrors war. Kurzes Schweigen bei der Kranzniederlegung, dann hektisches Beraten. Kohl schart die deutsche Delegation – vor allem Wirtschaftsleute – um sich, bittet sie, ihr Warschauer Programm durchzuziehen, aus Rücksicht auf die Empfindlichkeiten und die ewigen Sorgen der polnischen Gastgeber. Die sollen keinesfalls den Eindruck erhalten, ausgerechnet wegen der Deutschen würden sie die soeben erst erworbene Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit schon wieder verlieren. Deshalb soll vor allem auch, wünscht Kohl, die mitgereiste Presse dableiben. Sie wird vom Regierungssprecher zum Gespräch gebeten. Währenddessen macht sich der Kanzler mit kleiner Begleitung davon, zum Flughafen. Ohne Presse.

Ein manchmal auch gnädiger Herrscher

Muss man als Journalist dieselbe Rücksicht nehmen wie der Regierungschef? Nicht, wenn der und sein Kampf um den Platz in der Geschichte plötzlich zur eigentlichen Story wird. Spiegel-ReporterJürgen Leinemann und ich, damals Reporter beim Stern, organisieren ein Taxi. Der Fahrer entpuppt sich als Glücksfall. Er kennt sämtliche Schleichwege zum Flughafen, die Maschine der Luftwaffe ist noch da, als wir dort ankommen, unsere Sonderausweise helfen uns durch die Absperrung bis zum startbereiten Flugzeug. Dann ist Schluss. Wir sind nicht auf der Liste, sorry! Keine Presse.