Die Glaubwürdigkeit von Franz Josef Jung steht zunehmend infrage. Es wächst die Vermutung, dass der ehemalige Verteidigungsminister nur einseitig und selektiv aus Dokumenten der Bundeswehr zitierte, als er sich am 8. September im Bundestag zu einem Luftangriff nahe der afghanischen Stadt  Kundus äußerte. Ungeklärt ist, ob er dabei Tatsachen bewusst verschleierte oder lediglich unzureichend Bescheid wusste.

Die Attacke auf zwei von Taliban entführte Tanklastzüge hatte ein Bundeswehroberst befohlen. Durch den Angriff waren – je nach Untersuchung – neben Dutzenden Extremisten und deren Verbündeten auch zwischen 30 und 40 Zivilisten gestorben. Nach Informationen der Bild-Zeitung ging am 6. September – zwei Tage nach dem Angriff – ein vertraulicher Bericht an das Einsatzkommando der Bundeswehr in Potsdam. Teil dieses Berichts sei unter anderem ein Brief des Gouverneurs von Kundus an den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai gewesen. In dem Schreiben habe der Gouverneur erklärt, dass "alle Getöteten zu den Taliban" gehört hätten. Auf eben jenen Brief bezog sich Jung.

Laut Bild gingen Einzelmeldungen über mangelnde Aufklärung und zivile Opfer jedoch schon deutlich früher im Einsatzführungskommando ein. Demnach sollte der damalige Verteidigungsminister bereits am 8. September, als er sich im Bundestag äußerte, ein differenziertes Bild der Lage gehabt haben. Von all jenen Meldungen will Jung jedoch nichts gewusst haben, obwohl diese Potsdam auf demselben Weg erreichten, wie der Bericht, aus dem er zitierte.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hält nach dem Bekanntwerden dieser Informationen eine Neubewertung des folgenschweren Luftangriffs von Kundus für denkbar. Er werde nach eingehender Prüfung der Berichte möglicherweise eine neue Einschätzung des von einem Bundeswehroberst befohlenen Bombardements abgeben müssen, sagte der CSU-Politiker im ZDF. Guttenberg ließ offen, wie diese Beurteilung aussehen wird. Guttenberg sicherte zu, die ihm zur Kenntnis gelangten neuen Informationen auch der deutschen Justiz zu übergeben.
 

Der Verteidigungsminister war bisher davon ausgegangen, dass der von der Bundeswehr angeforderte Luftangriff auf zwei von den Taliban entführte Tanklastwagen gerechtfertigt gewesen sei und Kämpfer zum Ziel gehabt habe. Zu dieser Einschätzung sei er nach den Informationen gekommen, die ihm zum Amtsantritt vorlagen. Er gehe davon aus, dass es während des Einsatzes auch Opfer unter der Zivilbevölkerung gegeben habe.

Guttenberg hatte am Donnerstag im Bundestag gesagt, er habe erst spät von einem Bericht der Bundeswehr erfahren, der den Tod von Zivilisten bestätigt. Aufgrund der neu aufgetauchten Informationen hatte Guttenberg am Donnerstag Bundeswehr-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan entlassen. Auch Staatssekretär Peter Wichert muss seinen Posten räumen.

Dieser Schritt sei hart, aber notwendig gewesen, sagte der Minister. Er bezeichnete es als "unzumutbares Verhalten", dass ihm die Informationen über Hinweise auf getötete Zivilisten vorenthalten worden seien. In einem zwei Tage nach dem Luftangriff vom 4. September angefertigten Bericht der Feldjäger war von Hinweisen auf zivile Opfer die Rede. Guttenberg kündigte eine sorgfältige und zügige Prüfung darüber an, wie es zu den Vertuschungen kommen konnte. Dem Bundestag sicherte er volle Aufklärung zu. SPD, Linkspartei und Grüne haben bereits angekündigt, wegen des Vorfalls einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu beantragen.

Die Opposition verlangte den Rücktritt von Guttenbergs Amtsvorgänger Franz Josef Jung (CDU), der heute Arbeitsminister ist. Am Freitag forderte auch die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Susanne Kastner (SPD), Jung zum Rücktritt auf. Die Affäre um die Vertuschung von Informationen nach dem Luftangriff habe gezeigt, dass Jung nicht für ein Regierungsamt geeignet sei, sagte sie den Ruhr Nachrichten. Kastner sieht das Engagement der Soldaten in Afghanistan durch den Fall belastet. "Das ist eine zusätzliche Belastung für die Soldaten und für die gesamte Bundeswehr." Der jetzige Arbeitsminister habe mit seiner schlechten Informationspolitik dazu beigetragen, dass die Akzeptanz für den Einsatz in der Bevölkerung zurückgegangen ist.

Guttenbergs Vorgänger ist wegen der Vertuschungen massiv unter Druck geraten. Am Donnerstag erklärte er sich im Bundestag, lehnte einen Rücktritt jedoch ab.