Nun also doch. Eine Nacht hat Franz Josef Jung noch darüber geschlafen, dann endlich sah er ein, dass es für ihn keine Zukunft mehr im Bundeskabinett gab. Nach nur 30 Tagen räumte er seinen Posten als Arbeitsminister. Zu hilflos waren seine Erklärungsversuche am Donnerstagabend im Bundestag gewesen, zu erdrückend die Indizien, dass sein früheres Ministerium frühe Erkenntnisse über zivile Opfer bei dem verhängnisvollen Bombardement von Kundus am 4. September verheimlicht hat. Nicht nur der Koalitionspartner FDP, auch Abgeordnete seiner eigenen Partei waren deshalb von dem hessischen CDU-Politiker abgerückt.

Mindestens fünf Berichte über zivile Opfer der von einem Bundeswehr-Offizier angeordneten Bombardierung von zwei Tanklastzügen sollen die Spitze des Verteidigungsministeriums vor der Bundestagswahl erreicht haben. Doch Jung beharrte auch bei seinem Rücktritt darauf, dass er die Öffentlichkeit und das Parlament stets korrekt informiert habe. Er ist sich keiner Schuld bewusst, er stilisierte sich vielmehr als Opfer: Er übernehme die politische Verantwortung "für die interne Informationspolitik des Bundesverteidigungsministeriums gegenüber dem Minister", nicht etwa für eigene Fehler und Versäumnisse – verschwurbelter kann man einen Rücktritt kaum begründen.

Dabei war schon am Donnerstag klar, dass Jung nicht mehr zu halten war: Entweder hatten seine hohen Untergebenen ihm die entscheidenden Informationen vorenthalten oder er hatte sie sich nicht verschafft, womöglich weil es nicht opportun erschien, vor der Wahl die volle Wahrheit an die Öffentlichkeit zu bringen. Im ersten Fall hatte er sein Ministerium nicht im Griff, im zweiten Fall wäre ihm mehr als Fahrlässigkeit anzulasten. Einen brisanten Bericht der Bundeswehr über den Vorfall an die Nato weiterleiten zu lassen, ohne ihn "zur Kenntnis" zu nehmen, wie Jung behauptete, disqualifizierte ihn jedenfalls auch für jedes andere Ministeramt.

Im Raum steht aber auch noch der Verdacht, dass Jung wissentlich die Unwahrheit gesagt hat. Dies alles wird nun ein Untersuchungsausschuss aufzuklären versuchen. Den Arbeitsminister hätte das auf Monate hinaus belastet, und die Regierungskoalition, die schon genug Problemen hat, ebenfalls. Die Kanzlerin dürfte deshalb ein Interesse daran gehabt haben, die Sache rasch zu beenden. Denn der Schaden ist für sie schon jetzt groß genug.

Nach nur einem Monat muss Angela Merkel ihr Kabinett umbilden. Und damit einen Fehler korrigieren, den sie schon bei der Zusammenstellung ihrer schwarz-gelben Ministerriege beging: Jung überhaupt in der Regierung zu belassen. Denn als Verteidigungsminister war er auch schon vor Bekanntwerden der neuen Vorwürfe eine Fehlbesetzung gewesen. Hölzern und technokratisch führte er die Bundeswehr in ihren Auslandseinsätzen und vermied es auch hier, die Wahrheit auszusprechen: dass die Soldaten in Afghanistan längst im Krieg stehen. Die Truppe fühlte sich von diesem Minister nie richtig verstanden und ausreichend vertreten.

Dennoch durfte Jung Arbeitsminister werden. Nicht weil er dafür in irgendeiner Weise qualifiziert war, sondern weil er Hesse und Vertrauter von Roland Koch ist. So rächt sich für Merkel nun das kleine Karo ihrer Regierungsbildung.