Namhafte SPD-Politiker haben kurz vor dem Bundesparteitag die Führungslinie der Partei kritisiert. "Die Basta-Politik der SPD-Führung wird in der ganzen Partei beanstandet. Da werden ganz oben einsame Entschlüsse gefasst, und der Rest wird nach dem Motto "Friss oder stirb" dahinter gebracht. Das ist kein demokratisches Verfahren", sagte der SPD-Sozialexperte Ottmar Schreiner in Kassel vor einem sogenannten Basisratschlag. Zu dem Treffen linksgerichteter SPD-Politiker waren am Sonntag etwa 100 Mitglieder gekommen, darunter auch die ehemalige hessische SPD-Landeschefin Andrea Ypsilanti. Die Parteilinken wollen über neue Politik-Leitlinien sprechen.

Auf dem Bundesparteitag, der vom 13. bis 15. November in Dresden stattfindet, soll Sigmar Gabriel zum neuen SPD-Chef gewählt werden.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer sagte in Kassel: "Es gibt einen großen Diskussionsbedarf darüber, wie es weitergehen kann. Die SPD ist momentan nicht intakt. Es geht darum, dass die SPD wieder zu einer Identität findet."

Die Aufarbeitung der "verheerenden Niederlage" bei der Bundestagswahl Ende September sei deutlich zu kurz gekommen, sagte der Bundestagsabgeordnete Schreiner. Die SPD hatte mit 23 Prozent und einem Minus von 11 Punkten ihr schlechtestes Ergebnis seit Gründung der Bundesrepublik eingefahren.

Bereits am Samstag hatte der künftige SPD-Vizevorsitzende Klaus Wowereit eine programmatische Erneuerung seiner Partei gefordert. "Unsere Themen - wie Mindestlohn oder Schwerpunkt Bildung - sind richtig. Aber die Glaubwürdigkeit hat gelitten, und daraus müssen Lehren gezogen werden, auch programmatisch", sagte der Regierende Bürgermeister von Berlin der Bild am Sonntag. Nach ihrem Absturz müsse die SPD "jetzt neu anpacken", die "Lage offen analysieren, die Mitglieder dabei beteiligen".

Zugleich warb Wowereit um die Rückkehr ehemaliger Sozialdemokraten von der Linkspartei zur SPD – auch um Oskar Lafontaine. Das neue Führungsduo der Partei, Sigmar Gabriel und Andrea Nahles, distanzierte sich derweil klar vom politischen Stil seiner Vorgänger. Wowereit hatte schon kurz nach der Bundestagswahl gefordert, das im Bund herrschende Koalitionsverbot mit der Linkspartei zu kippen.