Aufbruch, schon wieder? Mit keinem anderen Begriff hat die SPD in der jüngeren Vergangenheit so viel Schindluder getrieben wie mit dem Aufbruch. Mit jedem Wechsel in der Parteispitze, es waren sechs in elf Jahren, wurde der Aufbruch ausgerufen. Als Frank-Walter Steinmeier zum Kanzlerkandidaten gekürt wurde, war das selbstredend ein Aufbruch. Ebenso, als er im anschließenden, durchaus langatmigen Prozess seiner habituellen Kandidatenwerdung die nächste Zwischenstufe erreicht hatte. Und als er gegen Ende, im TV-Duell, der Kanzlerin auf Augenhöhe gegenübertrat, natürlich auch. Aufbrüche, wo man hinschaute.

Die SPD ist permanent aufgebrochen – und nie vom Fleck gekommen. Und jetzt? Am Ende ihres Dresdner Parteitages verkünden die Sozialdemokraten wieder einmal den Aufbruch. Und diesmal, wenige Wochen nach der historischen Wahlniederlage vom 27. September, könnte es sogar einer sein.

Was spricht dafür? Zunächst einmal der neue Vorsitzende. Seit Oskar Lafontaines Umsturz-Tirade gegen Rudolf Scharping 1995 in Mannheim hat kein Auftritt eines Sozialdemokraten die Partei so aufgewühlt wie Sigmar Gabriels fulminante Parteitagsrede.

Spätestens seit der Agenda 2010 definierte die Parteispitze das sozialdemokratische Programm und das sozialdemokratische Handeln als ein Anpassungsprozess an die Notwendigkeiten der Globalisierung. Die Leitfrage hierzu lautete: Wie müssen wir im 21. Jahrhundert leben? In seiner Rede strich Gabriel diese Leitfrage kurzerhand aus den kollektiven SPD-Bewusstsein und ersetzte sie durch eine andere: Wie wollen wir im 21. Jahrhundert leben? Die Botschaft, die SPD dürfe ihre Antworten nie wieder an einen herrschenden Zeitgeist anpassen, sondern müsse um die Deutungshoheit streiten, empfand die Partei als Befreiung. Nicht die Zeit formt die SPD, die SPD formt die Zeit. Nicht anpassen – gestalten. Vor Gabriels Rede sah man viele gebückte Sozialdemokraten. Danach nur noch aufrechten Gang. Der Schmerz der 23 Prozent beginnt nachzulassen.