ZEIT ONLINE: Herr Korte, die SPD ist auf der Suche - nach ihrer Identität, nach ihrem künftigen Weg. Wird sie beides auf ihrem Parteitag in Dresden finden?

Karl-Rudolf Korte: Nein, das wird sie nicht. Dazu wird sie Jahre brauchen. Der Parteitag kann höchstens ein Startsignal sein, um wieder Oppositionspartei im eigentlichen Sinne zu werden.

ZEIT ONLINE: Die SPD sollte sich also nicht als Regierungspartei im Wartestand präsentieren?

Korte: Nein, nur als scharfe, angriffslustige Oppositionspartei hat sie die Möglichkeit, die Willensbildungsprozesse innerparteilich wieder so zu organisieren, dass nicht alles von oben vorgegeben wird sondern die Partei sich von unten neu strukturiert.

ZEIT ONLINE: Halten die Wähler das für glaubwürdig? Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im kommenden Mai will die SPD wieder bessere Ergebnisse einfahren. Dafür muss sie doch mit realisierbaren Konzepten überzeugen?

Korte: Deshalb ist der jetzige Parteitag nur ein Anfang. Die SPD muss erstmal wissen, wofür es sie eigentlich noch gibt. Sie muss Antworten finden darauf, wie die Sozialdemokratie moderne Politik gestalten kann. Sie muss auf die Frage nach sozialer Gerechtigkeit eine Antwort finden. Diese Antwort kann in der Opposition klarer ausfallen als in der Regierung. Das ist die Chance der SPD.

ZEIT ONLINE: Im Klartext: Die SPD sollte Teile ihrer elfjährigen Regierungsarbeit kassieren? Die Rente mit 67 beispielsweise, oder Hartz IV?

Korte: Nein, die Vergangenheit auseinander zu nehmen hilft ebenso wenig wie eine Anbiederung an die Linke. Wenn die SPD eine Partei der Mitte sein möchte, muss sie moderne Konzepte für den Wohlfahrtstaat und die Verteilungsgerechtigkeit entwickeln.

ZEIT ONLINE: Weiß die SPD überhaupt schon, ob sie auch künftig eine Partei der Mitte sein will?

Korte: Nein. Das muss sie klären. Einige wollen nach links, andere das Profil in der Mitte schärfen. Das alles ist offen und das ist auch gut so für eine Partei, die frisch in der Opposition angekommen ist.

ZEIT ONLINE: Bei der Bundestagswahl hat die SPD nur noch 23 Prozent bekommen. Hat sie damit den Anspruch verloren, noch eine  Volkspartei zu sein?

Korte: Nein, der Anspruch einer Volkspartei muss bleiben. Als Klientelpartei funktioniert die SPD nicht, da sind schon andere auf dem Markt, die das überzeugender können. Der historische Verdienst der SPD liegt darin, soziale Gerechtigkeit für alle abzubilden.

ZEIT ONLINE: Was empfehlen Sie der SPD denn? Die Orientierung nach links? Oder neues Werben um die politische Mitte?

Korte: Ich empfehle ihr eine lange Diskussion darüber. Auf nicht nur einem, sondern vielen Parteitagen. Und ich empfehle ihr, die Führung nur kurzfristig zu besetzen. Die SPD braucht erst einen Identitätskern und muss dann schauen, welche Führung dazu passt.

ZEIT ONLINE: Das heißt, das Duo Gabriel und Nahles ist auch nur eine Übergangslösung?

Korte: Wichtig ist, dass die Führung sich nicht selbst ausruft, sondern ein Willensbildungsprozess innerhalb der Partei die Spitzen nach oben bringt. Am Ende muss die Führung ein programmatisches Ergebnis repräsentieren, zu dem die Partei aufbrechen will.

ZEIT ONLINE: Klare programmatische Aussagen hat das neue Führungsduo noch nicht anzubieten.

Korte: Ja, deshalb kommt der Parteitag, was die Besetzung der Führungsämter angeht, zu früh. Einiges hätte daher für die Müntefering-Strategie gesprochen, den Übergang mit der alten Führung organisieren, bis die Partei weiß, was sie will.

ZEIT ONLINE: Gabriel kann demnach nicht damit rechnen, mit starkem Rückenwind von Dresden nach Hause zu fahren?

Korte: Ich sehe generell kaum eine Chance, dass die SPD gestärkt aus dem Parteitag hervorgeht. Die Partei ist gedemütigt, ziellos. Man sollte den Parteitag nicht überbewerten und nicht glauben, am Montag sei die Partei neu aufgestellt. Daran kann sie nur scheitern.