Sehr verehrter Herr Bundespräsident, lieber Herr von Weizsäcker, lieber Ted Sommer, liebe Familie und Freunde von Marion Dönhoff, meine Damen und Herren.


Ich bin mir dieser großen und unverdienten Ehre bewusst, die mir die Gelegenheit bietet, das oft nicht Ausgesprochene aus dem Leben öffentlich zu äußern. Marion Dönhoff war ein Vorbild für viele, für mich war sie ein privates Glück, das auch Verpflichtung bedeutete.

Lieber Richard, Sie kannten die Gräfin länger und besser als ich: Wie oft habe ich an jenen 8. Mai 1985 gedacht, an dem Marion und ich in ihrem kleinen, bescheidenen Fernseh- und Gästezimmer in ihrem Häuschen im Pumpenkamp Ihrer Rede zugehört haben. Am Ende war es uns dramatisch klar, dies war wahrlich ein einmaliges Bekenntnis in der Geschichte der Bundesrepublik. Ich glaube sogar, wir haben damals unsere Freude mit einem Glas Champagner begossen.

Marion Dönhoff hat den Verlust ihrer Heimat mit Vertrauen auf Versöhnung entgolten. Das war am Anfang nun wirklich nicht selbstverständlich. Wir wissen, wie viel Hass und auch Trauer das Jahr 1945 kennzeichnete. Was ist alles seitdem erreicht worden! Und Marion Dönhoff gehörte zu denen, die als erste für Versöhnung plädierte. Sie verband alte Wertvorstellungen konservativen Ursprungs, politische Vernunft, mit dem Verständnis für andere. Eine seltene Menschlichkeit zeichnete sie aus, mit einer ausgesprochenen Leidenschaft für Maß und Anstand und für Versöhnung gerade mit Polen und Russen, die so sehr unter den Deutschen gelitten hatten, wie sie überhaupt mit dem Osten von und durch Natur aus tiefer verbunden war als mit dem sich amerikanisierenden Westen.

In den ersten Jahrzehnten unserer Freundschaft, glaube ich, haben wir nie über Gemeinsamkeiten des Verlustes gesprochen. Wie vieles, blieb es unausgesprochen. Freundschaften haben mich mit meinem Geburtsland wieder versöhnt, angefangen mit der ältesten Freundschaft, mit Ralf Dahrendorf, diesem sprühenden Geist, über alle Grenzen schwebend und verstehend. Auch er gehörte zum Freundeskreis der Gräfin. An ihn denke ich heute mit Wehmut.

Aber Marions Freundschaft öffnete einen anderen Weg zurück. Es war ein Geschenk der Freundschaft, für mich befreiend und lebensbestimmend. Und wenn ich überhaupt ein Stück Heimat wieder in Deutschland besaß, dann war es bei ihr, in ihrer Gegenwart, in ihrem schlichten schönen Zuhause, und bereichert wurde ich von allem, was sie gesagt und nicht gesagt hat. Es war auch ein Geschenk, das meine Kinder einbezog.

Wir sollten uns der Freude, der Euphorie des Jahres 1989 erinnern – und trotz aller Enttäuschungen, die dann folgten, staunen wir, was alles erreicht worden ist. Ich denke an den Versuch der Versöhnung mit Polen und an meinen Freund Bronisław Geremek, der sich für die Wiedervereinigung Deutschlands eingesetzt hatte und der vor drei Jahren just an dieser Stelle hier mit sehr viel mehr Recht stand, als er den Dönhoff-Preis erhielt.

Aber der Prozess der Versöhnung geht weiter: Vor drei Wochen, als die deutsche Bundeskanzlerin und der französische Präsident unter dem Arc de Triomphe die ewige Flamme neu entzündeten: Das war ein historischer Moment, mutig und wahrhaft patriotisch. Er setzte dem Elend des Ersten Weltkrieges ein Ende und ersetzte gegenseitigen Hass durch gemeinsame Trauer. Ich habe mich stets irgendwie als Kind des Ersten Weltkrieges empfunden und als solches und als Historiker war ich ergriffen von dieser Geste, vergleichbar nur mit Willy Brandts Kniefall in Warschau: Nationen wie Menschen brauchen Momente der dramatischen, ehrbaren Geste, bleibende Symbole einer historischen Wende.

Aber Versöhnung bedingt auch innere Erneuerung und den Willen, das Ungenügende zu überwinden. Wie oft hat die Gräfin den Weg dazu erkannt, die Notwendigkeit beschrieben, das Land muss sich ändern, ich würde heute sagen, unsere Länder müssen sich ändern. Sie wusste, dass die Langzeitwirkung von "Misstrauen, Hass und Verbitterung" ein schlimmes Erbe ist. Sie empfand die Auswüchse des Kapitalismus als ein Gräuel. Aber selbst sie, mit ihrer dringenden Mahnung: Zivilisiert den Kapitalismus, hätte sich die Erbärmlichkeit der jetzigen grenzenlosen Gier nicht vorstellen können.

Mit Recht war sie entrüstet über die Macht des Kommerz, über Raubtierkapitalismus, ihr war protziger Reichtum und jeglicher seichter Materialismus seit ihren Jugendjahren im ostpreußischen Friedrichstein zuwider. Der Glaube, das der so genannte freie Markt alle Maßstäbe ersetzen könnte, war ihr fremd, aber sie hätte sich nie mit Schelten begnügt: Zeit ihres Lebens hat sie sich dem Gemeinwohl verpflichtet gefühlt, und was ihre sozialen Vorstellungen betraf, darf ich wiederholen, was ich zu ihrem 80 Geburtstag zitierte aus Fontanes Stechlin: "In jedem Junker steckt ein Stück Sozialdemokrat." Nur gibt es heute leider so wenige Junker!