ZEIT ONLINE begleitet fünf junge Abgeordnete, die neu in Berlin sind. Kurz nach ihrem Einzug in den Bundestag haben wir sie vorgestellt. Heute berichten sie von ihren ersten Erfahrungen und Enttäuschungen.

Die erste Rede

Sie ist ein wichtiges Ereignis im Leben eines Neu-Parlamentariers, ein Initiationsritual. Erst nachdem man die "Jungerfernrede" absolviert hat, gehört man richtig dazu. Junge Abgeordnete brennen deshalb darauf, sie zu halten. "Mir war es wichtig, diese Erfahrung so schnell wie möglich zu machen", sagt Daniela Kolbe, mit 29 Jahren die jüngste Abgeordnete der SPD. Niema Movassat, der 25-jährige Linken-Parlamentarier, sagt: Er sei froh, wenn er die erste Rede "endlich" hinter sich gebracht hat. Er ist erst kommende Woche dran. Am Wochenende wird er über dem Text brüten. Viel Arbeit für vier bis sechs Minuten Redezeit.

Nervös, na klar, das sind sie alle. Keiner der fünf Abgeordneten bestreitet das. Und das, obwohl sie routinierte Redner sind, trotz ihrer relativen Jugend. Agnieszka Malczak zum Beispiel hat als Landeschefin der Grünen Jugend Baden-Württemberg schon viele Reden gehalten. Vor ihrer ersten im Bundestag war die 24-Jährige dennoch reichlich angespannt. "Ich konnte nichts essen und brauchte meine Ruhe", erzählt sie. Sie schickte ihre Mitarbeiter alleine in die Kantine, während sie den Text noch ein paar Mal durchging. "Die erste Rede sei nichts, bei dem man auf Risiko gehen sollte", sagt sie. Daniela Kolbe war vor ihrer Rede zwar essen, hat aber auch mehr herumgestochert und kaum etwas herunter bekommen.

Peter Tauber (CDU) sagt, dass man in den Tagen vor der ersten Rede "Tausend gute Ratschläge von den Kollegen" bekomme, die allerdings mehr verunsichern als helfen: Man solle keine Redezeit verschwenden, sachlich sein, unterhaltsam, präzise. Johannes Vogel von der FDP spürte, als er im Bundestag saß und sein Beitrag näher rückte, wie sein Herz anfing zu rasen und sein Mund trocken wurde. "Die klassischen Anzeichen von Nervosität", wie er sagt. Dabei hat der Vorsitzende der Jungliberalen schon "vor viel mehr Menschen gesprochen". Aber der Bundestag verlange einem eben ein ganz eigenes Maß an Respekt ab.

Neu-Parlamentarier genießen eine Schonfrist. Bei der Jungfernrede gelten andere, ungeschriebene Regeln als sonst im durchaus rauen Parlamentsalltag. Man wird nicht ermahnt, wenn man die Redezeit überzieht; hinterher gratuliert der Präsident zur Premiere; die anderen Abgeordneten halten sich mit Zwischenrufen zurück.

Allerdings halten sich nicht alle an diese Fairnessabkommen gegenüber Frischlingen. "Bei mir hat die SPD permanent dazwischen geblökt", sagt Johannes Vogel. Besonders der ehemalige Generalsekretär Hubertus Heil habe sich an ihm abgearbeitet. Aber halb so wild, sagt Vogel: Man verstehe ohnehin Zweidrittel der Zwischenrufe nicht, weil man auf den eigenen Beitrag viel zu sehr konzentriert sei.

Vogels erste Rede war ein Beitrag zur Aussprache nach Angela Merkels Regierungserklärung. Daran mitzuwirken, ist für Neulinge eine Ehre. Aber deshalb war auch die Atmosphäre so hitzig. Gefragt hatte ihn der Vorsitzende seiner Arbeitsgruppe, Arbeit und Soziales. Die AG-Chefs sind die heimlichen Herren über das Rederecht im Bundestag. Sie entscheiden, in Abstimmung mit den Fraktionschefs, wer wann zu welchem Thema sprechen darf. Als Peter Tauber von seiner AG-Vorsitzenden vorgeschlagen wurde, schwankte er zwischen zwei Gefühlen: "Super, ich darf bald reden." Und: "Mist, ich muss bald reden." Kurz vorher beschäftigte ihn vor allem die Frage, wie er eigentlich das Pult auf die richtige Höhe bekommt. Bis er erfuhr: Das müssen die Abgeordneten nicht selbst justieren, es gibt Helfer im Hintergrund, die sich darum kümmern.

Hinterher sind jedenfalls alle froh, wenn sie die erste Rede einigermaßen unfallfrei hinter sich gebracht haben. Alle freuen sich über positive Resonanzen von den Kollegen, den Eltern oder von irgendwelchen Bürgern, die die Debatte im Fernsehen verfolgt haben. Rundum zufrieden ist aber dennoch keiner. Alle geben sich ziemlich selbstkritisch. Malczak sagt, sie sei nicht unzufrieden, aber auch "nie" hundertprozentig mit sich zufrieden. Einmal hat sie sich verhaspelt. Außerdem sei der Aufbau der Rede nicht perfekt gewesen. Der Anfang war emotional. Am Schluss kamen viele Informationen. Eigentlich hätte man das anders herum machen müssen, damit die Botschaft in Erinnerung bleibt.  

Johannes Vogel empfand sich selbst als zu schnell. Das kenne er schon, sagt er. Das sei ein "Grundproblem" von ihm. Peter Tauber nimmt sich vor, künftig stärker den Blickkontakt zur Fraktion zu suchen. Daniela Kolbe sagt, man habe ihr anmerken können, wie aufgeregt sie gewesen sei. Diese Rückmeldung habe sie leider auch von einigen Bekannten bekommen. Für die Zukunft wünscht sie sich, selbstsicherer zu wirken. Das stehe relativ weit "oben auf der To-do-Liste".