Es ist für mich eine helle Freude, zu Ehren von Fritz Stern ein paar Worte des Glückwunsches dafür sagen zu dürfen, dass er heute und hier mit dem nach unserer Freundin Marion Dönhoff benannten Preis ausgezeichnet wird.

Seine Herkunft und Verankerung sind es zuerst, die Fritz Stern auszeichnen. In Breslau ist er herangewachsen, im Kreis seiner vorbildlichen, hoch gebildeten, aber vor allem auch hoch aktiven und kreativen Familie von Ärzten und Wissenschaftlern. Die Familie Stern ist ein Beispiel für das, was er in seinem Aufsatz über Albert Einstein als die "jüdisch-deutsche Symbiose" bezeichnet hat.

Wahr ist aber auch, dass Fritz Stern aus einem Deutschland kommt, das, wie er es selbst gesagt hat, nicht mehr existiert und nie mehr existieren wird. Der nationalsozialistische Rassenwahn hat die Familie Stern wie so viele andere als Juden ausgegrenzt, die Grundlagen zerstört. Schon als Kind hat er bewusst und leibhaftig erfahren müssen, was Angst und Hilflosigkeit bedeuten, von der anpasserischen Niedertracht so vieler anderer Menschen. Nahe Verwandte wurden deportiert und ermordet. Zwölf Jahre war er alt, als seine Eltern mit ihm die alte Heimat Breslau gezwungen und in letzter Minute verlassen mussten.

Die Erfahrung in der Jugend hat ihn für immer geprägt: "Durch den Nationalsozialismus entbrannte meine Liebe zur Freiheit, als einem menschlichen Gut, als Vorbedingung aller anderen Güter".

Wahrhaft eindrucksvoll war sein zweites Heranwachsen, in Amerika, in New York. Schon in der Jugend war er politisch aktiv. Er wusste sich zu Wort zu melden. Sein tiefes Interesse, seine Verpflichtung. Als Schüler schrieb er an den New Yorker Bürgermeister – und beteiligte sich lebhaft für eine Wiederwahl von Franklin Delano Roosevelt.

Mit ebensoviel Talent wie Begeisterung nutzte er die Möglichkeiten, die das freie Land ihm bot. Alsbald hatte er den Kern der demokratischen Gesellschaft begriffen und in die Tat umgesetzt. Als Jüngling verstand er, wie wichtig das Recht auf Meinungsäußerung ist, und dass es genau deshalb gilt, dieses Recht zu nutzen.

Gegen die Familientradition und auch gegen den Rat von Albert Einstein entschied er sich für das Studium der Geschichte. Auf diese Weise ist der Welt ein hervorragender Mediziner entgangen. Und dennoch sagen wir mit Freude: dieses eine Mal hatte Albert Einstein Unrecht!

"Gebt mir einen Punkt, wo ich stehen kann…", so sagte es Archimedes. Für Fritz Stern war dieser Punkt die großartige und freie Atmosphäre der Columbia University. Und so hat er von Anfang an als Historiker Entscheidendes erarbeitet, was für uns ebenso lehrreich wie erzieherisch ist.

Schon in seiner Promotionsschrift warnte er vor Kulturpessimismus als einer politischen Gefahr. Frühzeitig erkannte er hier ein immer aktuelles Thema, angesichts der Schwächen, die sich in einer freiheitlichen Ordnung eben auch stets von neuem zeigen können. Umso mehr lautet die Antwort nicht Abwendung, sondern Teilnahme und Verantwortung.

Was ist das besondere seiner Geschichtsbeschreibung? Zunächst ist es das Erlebnis, welches ihn geprägt hat. Aber auch die Erinnerung reicht ihm nicht aus – wie wahr. Auch ihr darf man nicht unbesehen folgen. Es gilt, sie "aufzuheben und aufzuwerten".

Zugleich verlässt er sich nicht ausschließlich und allein auf die Akten, die schriftlichen Zeugnisse, wie es immer wieder so viele Historiker tun. Gewiss, natürlich ist es so! Wer wollte denn die elementare Bedeutung schriftlicher Dokumente leugnen? Aber gerade in einer Zeit wie der, die ihn und seine Familie aus der angestammten Heimat vertrieben hat, sind die schriftlichen Dokumente ebenso unentbehrlich wie andererseits nicht ausreichend, unzureichend, um die Abläufe und Menschen zu verstehen. Es ist ja auch in der Gegenwart für uns alte sogenannte "Zeitzeugen" ein immer wieder neues, notwendiges, aber eben oft auch unzureichendes und beschwerliches Erfahrungserlebnis, von jungen Historikern allein aus ihrer Aktenkenntnis zu erfahren, wie denn alles wirklich war, was wir erlebt oder falsch erlebt haben.

Fritz Stern schreibt immer wieder die Geschichte von Menschen, von Albert Einstein, Ernst Reuter und anderen – wahre Schätze hat er da geschaffen! Auf diesem Weg vermag er die Brücke zu schildern, die zwischen Bismarck und Bleichröder begehbar wurde. Mit hingebungsvollem Bemühen nähert er sich und verfolgt die Menschen so, wie sie selbst ihren Weg suchen.

Fritz Stern erinnert uns an die Offenheit der Geschichte, aber damit immer auch an unsere eigene ungeheure Verantwortung vor ihr. Und so ist mir dies an seiner Lebensleistung das Wichtigste: Seine Geschichtswissenschaft ist am Ende seine Lehre von der Verantwortung.

Von der Geschichte aus, und ohne sie je zu verlassen, hat er sodann Schritte unternommen und sich für Begegnungen geöffnet, die ihn in das weite Feld der transatlantischen Beziehungen führten. Mutiges und Prägendes hat er auf diesem Gebiet beigetragen – im Lichte seines Wissens über die Vergangenheit und seiner Gabe der Einfühlung in die Menschen.

Zwölf Jahre nach seinem erzwungenen Weggang kam er zum ersten Mal wieder nach Deutschland. Eine Rückkehr in das eigene Land konnte dies nicht mehr sein. Er wurde und bleibt Amerikaner. Aber gerade als auswärtiger und doch intimer Kenner ist er für uns Deutsche unersetzlich geworden.