Die Opposition schwankt bei der Bewertung der Afghanistan-Strategie der Bundesregierung zwischen Lob und Kritik. Ob SPD und Grüne den Kurs im Bundestag mittragen werden, ließen sie offen. Die Linkspartei lehnt die Pläne, die Kanzlerin Angela Merkel, Außenminister Guido Westerwelle und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg am Dienstag auf getrennten Pressekonferenzen vorstellten, ebenso generell ab wie den gesamten Afghanistan-Einsatz.

Kanzlerin und Minister präsentierten die Zusagen, die Deutschland auf der Afghanistan-Konferenz in London am Donnerstag machen werde. Das Kontingent der Bundeswehr soll um 500 Soldaten für "Schutz und Ausbildung" und 350 für eine Reserve etwa zur Beobachtung von Wahlen erhöht werden. Dafür ist eine Zustimmung des Bundestages erforderlich.

Zudem kündigte die Regierung an, dass mehr Polizisten nach Afghanistan geschickt würden. Die Entwicklungshilfe soll von 220 Millionen Euro auf 430 Millionen Euro pro Jahr steigen. 50 Millionen Euro will Deutschland zudem bis 2015 in einen Fonds einzahlen, mit dem Taliban, die der Gewalt abschwören, "reintegriert" werden sollen. Bereits 2011 will Deutschland mit dem Abzug beginnen.

Vertreter der Opposition waren am Dienstag zu Gesprächen ins Kanzleramt eingeladen worden, um dort über die Strategie der Regierung zu diskutieren. SPD und Grüne lobten hinterher, dass die Bundesregierung sich deutlich auf die Forderungen der Opposition zu bewegt habe. Restlos überzeugen konnte Angela Merkel die SPD und Grüne aber noch nicht.

Zunächst sei eine weitere Konkretisierung notwendig, sagte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel. Sonst werde es der Regierung schwerfallen, die SPD "zu einer Zustimmung zu bewegen". Gabriel begrüßte die Zusicherung der schwarz-gelben Koalition, keine weiteren deutschen Kampftruppen nach Afghanistan entsenden zu wollen. Ob die Sozialdemokraten im Bundestag einem veränderten Mandat, das eine Truppenaufstockung vorsieht, zustimmen werden, ließ SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier offen. Die beiden SPD-Spitzenpolitiker hatten am Montag ihr überarbeitetes Positionspapier vorgestellt.

Auch die Grünen halten ihre Zustimmung offen. Die Erhöhung der Truppenzahl werde "sehr kritisch" gesehen, sagte die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast. Eine Verstärkung der Polizeikräfte und Erhöhung der finanziellen Wiederaufbauhilfe hatten zuletzt aber auch Politiker der Grünen gefordert. Bei der Abstimmung über die Isaf-Mandatsverlängerung im Dezember hatten nur sehr wenige Bundestagsabgeordnete der Grünen mit Ja gestimmt.

Tom Koenigs, Afghanistan-Experte der Grünen, kritisierte im Gespräch mit ZEIT ONLINE, dass die Diskussion sich in Deutschland auf die Soldatenzahl beschränke. "Es wird mir zu viel über Quantität geredet. In Deutschland gibt es ein zu großes Interesse am Militärischen, entscheidend ist aber der zivile Wiederaufbau", sagte der ehemalige Sonderbeauftragte der UN für Afghanistan. Auch wenn Soldaten in der nahen Zukunft abgezogen würden, müsste die zivile Hilfe weiterlaufen. Koenigs ist Vorsitzender des Ausschusses für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe und Mitglied im Verteidigungsausschuss im Bundestag.

Vor allem die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte sei fundamental. "Die Zahl der Polizisten auf 200 zu erhöhen ist ein richtiger Schritt. Aber allein im viel kleinerem Kosovo sind 400 deutsche Polizisten aktiv gewesen", sagte Koenigs. "Weil die Aufgaben der afghanischen Polizei nicht viel mit der Arbeit eines deutschen Beamten zu tun haben, ist es sinnvoll, wenn die Feldjäger der Bundeswehr stärker in die Ausbildung eingebunden werden. Einer Erhöhung der Zahl der Militärpolizisten für die Ausbildung würde ich sofort zustimmen."

Die Linkspartei lehnt die Pläne der Regierung grundsätzlich ab. "850 zusätzliche Soldaten sind weitere 850 Soldaten zu viel. Merkel und Guttenberg eskalieren den Krieg in Afghanistan", erklärte Christine Buchholz, Mitglied des Parteivorstandes. "Sie tragen die Verantwortung für den Tod von mehr Soldaten und weiteren afghanischen Opfern." Die afghanische Bevölkerung brauche nicht mehr Kampftruppen und Polizei-Ausbilder, sondern ein Ende des Krieges und vom Militär unabhängige humanitäre Hilfe.

SPD und Grüne prüfen nun, wie sie auf die Pläne der schwarz-gelben Koalition reagieren werden. Beide Regierungsparteien wollen erst einmal den Verlauf der Afghanistan-Konferenz abwarten, bevor sie den Regierungsvorschlag endgültig bewerten.