Kurz nach ihrem Einzug in den Bundestag haben wir sie vorgestellt. Peter Tauber (CDU, 35 Jahre), Daniela Kolbe (SPD, 29), Johannes Vogel (FDP, 27), Agnieszka Malczak (Grüne, 25) und Niema Movassat (Linke, 25) sind neu in Berlin. Im Dezember berichteten sie von ihren ersten Reden, Diäten und Enttäuschungen. Nun, knapp fünf Monate nach der Bundestagswahl, trafen sich die fünf zum ersten Mal für ein gemeinsames Interview.

Politik - Fünf junge Abgeordnete über erste Erfolgserlebnisse und Enttäuschungen Fünf junge Abgeordnete der Parteien im Bundestag reden mit ZEIT ONLINE über ihre ersten Erfahrungen in der Bundespolitik

ZEIT ONLINE: Beginnen wir versöhnlich. Eine Frage an die drei Oppositionspolitiker: Was hat Ihnen am Start der neuen Regierung gefallen? Was hat Schwarz-Gelb gut gemacht?

Agnieszka Malczak: Da muss ich wirklich lange überlegen. Vielleicht der Vorstoß vom Herrn Röttgen, die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke in Frage zu stellen.

Daniela Kolbe: Dass sich beim Thema Jobcenter die Vernunft durchgesetzt hat, dass wir im Sinne der sieben Millionen Betroffenen wahrscheinlich doch eine Verfassungsänderung machen, hat mir gefallen. Dafür Respekt.

Niema Movassat: Die Frage kann ich am besten ironisch beantworten. Mir hat gefallen, wie schnell die Umfragewerte in sich zusammengebrochen sind.

ZEIT ONLINE: Herr Tauber, Herr Vogel, auch Sie dürften mit dem Start nicht vollauf zufrieden sein. Aber, noch einmal positiv gefragt: Warum sind Sie stolz auf Schwarz-Gelb?

Johannes Vogel: Ich finde, der Koalitionsvertrag kann sich sehr sehen lassen. Und wenn man sich die Gesetze anschaut, die bis jetzt schon auf den Weg gebracht haben: Beim Wachstumsbeschleunigungsgesetz reden alle über die Hotelerie, auch innerparteilich. Nur: Es ist ein absoluter Randaspekt des Gesetzes. Dass wir was für den Mittelstand getan haben, dass wir Familien entlastet haben, darauf bin ich stolz. Außerdem ist es richtig, in Bildung zu investieren.

Peter Tauber: Wenn man die Schlagwörter gehört hat: Neue Regierung, soziale Kälte. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wenn man sieht, was wir familienpolitisch gemacht haben, was wir an Entlastung für die kleineren und mittleren Einkommen geschafft haben und dass wir gerade jetzt schon zwei Ungerechtigkeiten bei Hartz-IV geändert haben: die Verdreifachung des Schonvermögens und den Umgang mit Immobilien.

ZEIT ONLINE: In Bildung investieren und Schwache unterstützen, das müsste ihnen doch eigentlich gefallen, Frau Malczak, oder?

Malczak: Das ist schöne Rhetorik. Aber ich frage mich schon, wenn man die Steuern so massiv senken will, wie man das erreichen kann. Auch die Entlastung der Hoteliers macht bloß ein weiteres Defizit aus.

Vogel: Da war ich dagegen.

Kolbe: Ach ja?

Vogel: Das kann ich dokumentieren. Ich habe auf dem Parteitag einen Antrag gestellt.

Malczak: So gesehen könnte ich mich auch auf die Position zurückziehen: Ich war immer Hartz-IV-Kritikerin in meiner Partei. Aber noch mal zum Wachstumsbeschleunigungsgesetz: Die besser verdienenden Familien erhalten dadurch 40 Euro im Monat zusätzlich. Mittel verdienende Familien 20 Euro. Und die Ärmsten gehen ganz leer aus. Zum Schonvermögen: Es ist nur ein sehr kleiner Teil der Hartz-IV-Empfänger, der dadurch eine Besserung erfährt. Eigentlich müsste es darum gehen, die Regelsätze anzuheben.

Vogel: Es gehört zur Aufgabe der Opposition, die Regierung zu kritisieren, aber dieser Vorwurf ärgert mich. Durch das Wachstumsbeschleunigungsgesetz geben wir sehr viel mehr Geld für Familien aus, die Kindergeld bekommen, also für die kleineren und mittleren Einkommen, nicht für die sehr Reichen. Was die Unterstützung für die Hartz-IV-Empfänger angeht: völlig richtig, dass bei denen nichts ankommt. Aber das ist ein System, das Rot-Grün gemacht hat. Uns das jetzt vorzuwerfen, mit einem Argument, das ich in der vergangenen Jahren nie gehört habe, wenn von rot-grüner Seite das Kindergeld erhöht wurde, das ist mir ein bisschen zu wenig Substanz im Argument.

Tauber: Mir ist da auch zu viel Klischee-Rhetorik drin. Wir hören immer: Der Staat würde sich zurückziehen. Wir geben so viel Geld aus wie noch nie für Sozialhilfe, sprich: für Hartz IV.  Komischerweise empfinden das die Leute trotzdem als ungerecht. Das zeigt doch, dass der Staat sich nicht zurückzieht, sondern mit dem Geld offensichtlich nicht verantwortlich umgeht. Wir müssen das Sozialsystem so organisieren, dass es Menschen sozialen Aufstieg und Teilhabe ermöglicht. Aber so zu tun, als ob die Kinder aus Hartz-IV-Familien gar nichts vom Staat bekommen, als würden die permanent benachteiligt, ist jedenfalls gelogen. Sie bekommen unter Strich mehr als jedes andere Kind. Sie brauchen es ja auch mehr.