Schade? Wenn es ein Wort gibt, das nicht passt, dann das: Wer Margot Kässmanns Rücktritt "schade" nennt, hat nichts verstanden. Nichts von dieser Frau, nichts von ihren Anhängern und nichts von dem Unglück, das der Rücktritt für ihre Kirche bedeutet. Schade ist die Ausrede der Lauwarmen, und Lauheit hat Käßmann nicht verdient – im Abschied noch weniger als in ihrem Aufstieg.

"Bedauerlich", "tragisch", "unvermeidlich" – noch ehe die Bischöfin vor die Kameras trat, um ihren sofortigen Abschied zu verkünden, hörte man die Krokodile schon weinen. Die hatten sich von Anfang an an ihr gestoßen. Das war so, als die 25-jährige Vikarin 1983 nach einer Kampfabstimmung jüngstes Mitglied im Zentralausschuss des Ökumenischen Weltkirchenrats wurde. Das war nicht anders, als sie 1999 Bischöfin in Hannover wurde, und erst recht 2009, als ausgerechnet sie, die Überwältigungspredigerin, die Leidenspastorin, die Freudenpfarrerin, die Nachfolge des messerscharfen Wolfgang Huber als oberste deutsche Protestantin antrat. Wenn sich jetzt mal nicht diejenigen irren, die nun raunen, mit ihrem Abgang habe sie "Schaden von der Kirche" abgewendet.

Denn wer trägt eigentlich diese Kirche, wer engagiert sich in ihr, wer gibt ihr ein Gesicht? Es sind vor allem Mütter jenseits der 50, deren Kinder aus dem Haus sind, die mit ihren ramponierten Träumen zu ringen haben wie mit ihren Hitzewallungen und natürlich mit den Männern, weil sie die zu Hause auf dem Sofa sitzen haben oder weil da eben keiner mehr sitzt. Es sind die Frauen, die noch was schaffen wollen im Beruf oder zumindest in der Gemeinde, die keinen Deut dümmer sind als die Hauptamtlichen und keinen Moment länger Lust haben, leiser zu sein als die bezahlten Stimmen der Kirche. Es sind Frauen wie Käßmann, die ihre Hoffnungen an sie gehängt haben. Auch sie haben wohl alle schon mal einen über den Durst getrunken. Und auch sie hören jetzt die Krokodile schnappen.

Natürlich gibt es ebenso einen Triumph des Trivial-Feminismus, der Käßmann allein als Opfer männlicher Ränkespiel darstellt. Der außer Acht lässt, wie viele männliche Kollegen sie vor und hinter den Kulissen im Amt zu halten versuchten. Und der nicht ernst nehmen will, dass ihre nächtliche Trunkenheitsfahrt gemeingefährlich war.

Aber es werden eben auch echte Tränen fließen über Margot Käßmanns Abschied. Tränen des Bedauerns und der Enttäuschung.

Doch war nicht durch ihren "schweren Fehler" aller Kredit verspielt, ihre Autorität als Bischöfin und ihre Freiheit, unbefangen ihre Stimme in Fragen der Ethik und Moral zu erheben? Nein, denn nicht Moral war Kässmanns Kerngeschäft, sondern Glaubwürdigkeit. Und es ist eben auf der Kreuzung Samstagnacht um 23 Uhr gottlob niemand zu Schaden gekommen. Wenn also nicht noch ganz andere Dinge ans Tageslicht kommen, dann war der Rücktritt nicht zwingend. 

Die Krokodile beeindruckt das wenig. Gerade mal fünf Monate war Käßmann im Amt. In dieser Zeit hat sie einigen Wirbel veranstaltet, sie hat sich zur Sterbehilfe geäußert, sehr kritisch auch zum Afghanistan-Krieg und zur Hartz-IV-Debatte. Ihre Äußerungen waren nicht immer treffsicher, erst recht nicht kühl kalkuliert. Und so ist es ein Leichtes, ihr nachzuweisen, dass ihre Art doch gerade sachnotwendig ins Unglück führen musste. Doch Sachnotwendigkeit ist eben nicht alles für eine Kirche, die immer mehr sein muss als eine bloße Organisation.