Neun Minuten las Oberst Georg Klein ein Statement ab, dann stellte er sich rund vier Stunden den Fragen der 31 Abgeordneten des Kundus-Untersuchungsausschusses. Kein einziges Mal machte er von seinem Recht Gebrauch die Aussage zu verweigern, nie verwies er auf mögliche Geheimhaltung. Und er übernahm die alleinige Verantwortung für die Bombardierung bei Kundus in der Nacht zum 4. September. Was der 55-Jährige sagte, wirft dennoch zahlreiche Fragen auf.

Vor allem interessieren sich die Parlamentarier für die Rolle der Elitetruppe Taskforce 47, die zur Hälfte aus Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) besteht. "Für mich klingt es so, als ob die Bombardierung eine Aktion der Taskforce war und die Spezialeinheit Klein eingespannt hat, um von ihr gesuchte Taliban auszuschalten", sagte ein Zeuge der Befragung ZEIT ONLINE.

So gab Klein an, dass er nie direkt mit den Piloten gesprochen habe, die zwei Bomben auf die Tanklaster abwarfen. Dies berichteten mehrere Abgeordnete. So erfuhr Klein nichts von den Zweifeln der amerikanischen Piloten an der Richtigkeit der Bombardierung. Fünfmal hatten die beiden F-15-Piloten dem deutschen Flugleitfeldwebel "Red Baron" ihre Zweifel übermittelt und fünfmal habe der Oberfeldwebel das Drängen der Amerikaner nicht an Klein weitergegeben. Der Oberst soll nicht einmal gehört haben, welche Befehle "Red Baron" den Kampfflugzeugen übermittelte. Laut dem Spiegel berief sich der Fliegerleitfeldwebel jedoch in seiner Kommunikation mit den Piloten permanent auf die angeblichen Anordnungen des Kommandeurs.

Die Sitzung des Untersuchungsausschusses unterlag der Geheimhaltung. Die Öffentlichkeit war nicht zugelassen. Um Klein vor den Medien zu schützen, war der Ausschuss sogar aus dem Paul-Löbe-Haus in den Reichstag verlegt worden. Ein Bundespolizist sorgte dafür, dass nur Abgeordnete, deren Mitarbeiter, Beamte und Zeugen einen Zugang zu den Fluren vor dem Sitzungssaal bekamen.

Was Klein sagte, erfuhren die Journalisten lediglich hinterher von Anwesenden der Befragung. Der Oberst trat selber nicht vor die Kameras und Mikrofone und ließ vor der Befragung seinen Anwalt eine Stellungnahme verlesen. Der Jurist verteidigte das Vorgehen Kleins. Objektiv betrachtet stehe fest, dass die Entscheidung des Obersts für den Angriff "auf Grundlage der in der Nacht vorhandenen Informationen und Ressourcen rechtmäßig war". Welche Informationen Klein tatsächlich hatte, ist unklar. Seine Aussage, er habe von einigen Vorgängen im Gefechtsstand nichts gewusst, könnte auch zu Kleins Verteidigungsstrategie gehören. Mehrere Abgeordnete halten seine Angaben jedoch für glaubwürdig – sie werden sie jetzt bei folgenden Zeugenbefragungen überprüfen.

"Wir können davon ausgehen, dass Klein längst nicht alle Informationen vorlagen, die heute bekannt sind", sagte ein Parlamentarier. Gut möglich, dass die Taskforce 47 in jener Nacht ihre eigene Strategie verfolgte und Klein, dem Kommandeur des PRT Kundus,  gezielt Informationen vorenthielt. So soll die Taskforce sogar von der Straßensperren, an der die Taliban die Tanklaster entführten, gewusst haben, die Information darüber aber nicht weitergegeben haben. Mitglieder der Spezialeinheit sollen zudem herausgefunden haben, dass die Tanklaster in der Nacht zum 4. September nicht gegen das Feldlager Kundus eingesetzt und von den Taliban von Kundus-Stadt weggebracht werden sollten. Ein Luftschlag, um Gefahren vom Camp abzuwehren, wäre danach gar nicht nötig gewesen.

Ob Klein wusste, dass sich am Fluss mehrere regionale Taliban-Anführer aufhielten, die auf der Target-Liste der Taskforce standen, blieb offen.