Horst Köhler hat in Indien verlorenen Boden gutzumachen. "Sieben Jahre sind seit dem letzten Besuch eines deutschen Präsidenten vergangen", grüßt ihn Harsh Singhania, Verbandschef der indischen Handels- und Industriekammern, und fügt vor einem indischem Unternehmerpublikum in Delhi schonungslos hinzu: "Ich könnte mir in der Zukunft mehr Konsultationen (zwischen den Regierungen Indiens und Deutschlands, d. R.) vorstellen."

Indiens Unternehmerklasse glaubt, sich offene Kritik am politischen Stillstand zwischen Delhi und Berlin leisten zu können. Indische Unternehmen haben Direktinvestitionen in Deutschland im Wert von über vier Milliarden Dollar getätigt. "Damit haben wir jetzt den Wert deutscher Investitionen in Indien übertroffen", sagt Hari Bhartia, designierter Präsident des indischen Industrieverbandes. Es soll heißen: Wir sind euch weit entgegengekommen. Warum aber tut ihr nicht mehr?

Horst Köhler ist sich seiner schwierigen Aufgabe in Indien durchaus bewusst. Er muss Enttäuschungen glätten. Als "aufstrebende Macht der Weltpolitik" verdiene Indien deutschen Respekt, sagt Köhler während der militärischen Begrüßung vor dem indischen Präsidentenpalast. "Wir sollten zuhören, was die Inder über uns denken", mahnt er beim Besuch der Einäscherungsstätte Mahatma Gandhis.  

Köhler weiß: Deutschlands Politiker haben Indien links liegen lassen. Bundeskanzlerin Angela Merkel kam in ihrer Amtszeit bisher nur einmal hierher, Ex-Außenminister Frank-Walter Steinmeier ebenfalls. Der neue deutsche Außenminister Guido Westerwelle hat schon in mehr als einem Dutzend Länder Antrittsbesuche gemacht, aber nicht in Indien. Das färbt auf die Beziehungen ab.

Nacheinander trifft Köhler an seinem ersten Besuchstag die erste Riege der indischen Politik: Premierminister, Außenminister, Oppositionschef und natürlich allen voran Sonia Gandhi, die in Indien allmächtige Führerin der regierenden Kongresspartei.

Doch was von seinen Gesprächen nach außen dringt, zeugt von einer nahezu desinteressierten indischen Höflichkeit. Alle Gesprächspartner hätten sich zwar nach dem System der deutschen Berufsbildung unterhalb des Universitätsniveaus erkundigt, verlautet es aus Kreisen des Bundespräsidenten. Berufsbildung aber ist genau das Thema, das deutsche Diplomaten für den Besuch vorgegeben hatten. In Wirklichkeit interessiert es keinen hohen indischen Politiker. Mit anderen Worten: Gandhi und Co. lassen Köhler routiniert abblitzen. Weder bringen sie an diesem Tag neue Ideen für die bilateralen Beziehungen ein, noch gehen sie auf das von ihrem deutschen Gast vorgetragene Konzept einer "kooperativen Weltpolitik" näher ein. Da hat sich Köhler dann wohl doch etwas mehr erhofft.