Wer Berlin ostwärts über die Frankfurter Chaussee verlässt, ins Brandenburgische hinein, vorbei noch am Stienitzsee, und schließlich kurz vor dem Weiler Lichtenow rechts in den sandigen Kageler Weg abbiegt, mag bezweifeln, dass ausgerechnet von hier ein Umsturz ausgeht. Von Schlaglöchern zerklüftet liegt die kurze Stichstraße da, an die sich Einfamilienhäuser reihen. Hier lebt Familie Nickl. Und ist verärgert. Denn der Weg lässt sich nicht einmal mehr im 1. Gang befahren. Der Bürgersteig – eine einzige Stolperfalle, Fahrradfahren nachgerade unmöglich. Das muss sich ändern! Aber wie?

Mit einem Foto. Das haben die Nickls auf einer unscheinbaren Website hochgeladen. Die Betreiber dieser Plattform namens Maerker erheben nicht den Anspruch, die Welt verändern zu wollen, so wie viele andere Online-Projekte. Die Seite will nur eine schlichte Kontaktstelle sein, eine weitere Faser im kommunikativen Geflecht zwischen Staat und Bürger. Doch gerade darin zeigt sich, wie sehr das Netz unser Denken schon verändert hat. So sehr, dass es eine ganze Kultur umwälzen könnte.

Wenn man erklären will, welche Wirkung jenes Bild entfalten kann, das die Familie Nickl von ihrem zerrütteten Weg aufnahm, muss man in Köln anfangen. Oder in München. Oder in einer beliebigen anderen Großstadt.

Überall dort gibt es Bürger, die beim Versuch, ihrer Kommune einen verstopften Gulli zu melden oder einen aufgebrochenen Riss im Asphalt vor ihrer Haustür, verzweifelt lange Minuten in der Warteschleife des Bürgertelefons verbringen, um schließlich zu erfahren, dass zwischen zwölf und zwei Uhr flexible Mittagspause ist. Die Briefe oder E-Mails an Infoadressen senden, wo sie verschwinden, als hätte man sie in schwarzen Löchern versenkt. Die längst in großer Zahl aufgegeben haben, sich an dem zu beteiligen, was doch Kern kommunalen Lebens sein sollte: die bürgerliche Selbstverwaltung.

Im brandenburgischen Lichtenow gibt es kaputte Straße und erloschene Laternen, wie überall. Die Gemeinde ist arm, der Bürgermeister in Rüderdorf fern. Doch es gibt Maerker. Eine einfach zu bedienende und leicht aufzufindende Plattform, auf der Bürger Missstände der lokalen Verwaltung melden können. Entwickelt hat sie Helmut Semmet, Referatsleiter für eGovernment-Projekte im Potsdamer Innenministerium, zusammen mit seinen Kollegen. "Vor ihrem Haus hat jemand Müll abgeworfen? Machen Sie ein Foto, laden Sie es hoch, schreiben Sie Ihre Adresse dazu. Fertig."

Fertig? Von wegen. Denn es ist ja nicht so, dass jenes Foto der Familie Nickl nun irgendwo im Internet anklagend herumsteht wie Milliarden andere Daten auch. Schließlich gibt es Frau Klingelstein. Eine Frau mit besonderem Auftrag.

Silke Klingelstein sitzt im Büro des Bürgermeisters von Rüdersdorf. Seit sechs Monaten nimmt sie Bürgeranfragen aus dem Netz entgegen und reicht sie an die zuständigen Ämter weiter. Doch sie betreibt beileibe keine bloße virtuelle Postverteilstelle. Vielmehr ist sie eine Frau mit Macht, gedeckt von höchster Stelle. Eine, die Antwort fordert, und zwar schnell. Die darauf achtet, dass die gegenüber dem Ministerium schriftlich abgegebene Selbstverpflichtung der Gemeinde erfüllt wird, auf jede Bürgeranfrage innerhalb von drei Tagen zu antworten. Die den Bürger via Internet Schritt für Schritt über den Fortgang des Anliegens unterrichtet. Ihm notfalls mitteilt, in welcher Behörde die Dinge hängen geblieben sind, via E-Mail und mithilfe einer Ampel auf der Website: rot = Schaden gemeldet; gelb = Verwaltung teilt mit, was jetzt geschieht; grün = erledigt. Und grün-gelb: Wir sind leider nicht zuständig.