Wo ist das Leck? Wer gibt geheime Informationen zur Kundus-Affäre an Journalisten weiter?  Diese Frage beschäftigt derzeit die Mitglieder des Kundus-Untersuchungsausschusses, Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums – und bald womöglich auch die Staatsanwaltschaft.

Am Donnerstag hatte Spiegel Online berichtet, die beiden unmittelbaren Vorgesetzten von Oberst Klein hätten schon früh Hinweise über zivile Opfern erhalten, nachdem der am 4. September die folgenreiche Bombardierung zweier Tanklaster befohlen hatte. Vor allem: Die beiden sollen eben diese Hinweise aus dem internen Protokollsystem der Isaf gelöscht haben und so versucht haben, den Luftangriff kleinzureden.

Zusätzliche Brisanz erhielt der Artikel dadurch, dass er just an dem Tag erschien, als die beiden Generäle vor dem Kundus-Untersuchungsausschuss aussagen sollten. Die Abgeordneten wollten von ihnen unter anderem wissen, wie die Kommunikation nach dem verheerenden Bombardement ablief: Wann und wie wurde das deutsche Regionalkommando Nord in Masar-i-Scharif informiert? Was wusste die Einsatzführung in Potsdam? Fragen, auf die die beiden Zeugen womöglich interessante Antworten hätten geben können, handelte es sich doch zum einen um Generalleutnant Rainer Glatz, Befehlshaber des Einsatzführungskommandos in Potsdam, zum anderen um Brigadegeneral Jörg Vollmer, der damals das Regionalkommando Nord, also den deutschen Zuständigkeitsbereich, führte.

Doch es kam nicht dazu. Nachdem der Artikel bekannt geworden war, wurde die Befragung auf 15. März verschoben. Viele Ausschussmitglieder waren empört über die Indiskretion. Unions-Obmann Ernst-Reinhard Beck (CDU) hatte sich auch einen Tag später noch nicht beruhigt: "Ich halte das für einen Skandal, wenn ständig aus geheimen Unterlagen zitiert wird", sagte er. Häufiger schon seien geheime Unterlagen an die Öffentlichkeit gelangt, der jüngste Fall stelle aber "noch eine qualitative Steigerung" dar.

Der spektakuläre Vorgang liefert all jenen Kritikern Munition, die der Bundeswehr und dem Verteidigungsministerium schon lange unterstellen, die Umstände vor und nach dem Luftangriff verschleiern zu wollen. Nur häppchenweise würden die Mitglieder des Untersuchungsausschusses mit wichtigen Informationen versorgt.

Ebenfalls im Dunklen liegen die konkreten militärischen Abläufe in der Bombennacht. Welche Rolle spielte beispielsweise die Taskforce 47. Nahm die Elitetruppe, die zur Hälfte aus Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) besteht und im Feldlager Kundus eine eigene, abgeschottete Kommandozentrale betreibt, an jenem 4. September Einfluss auf die Entscheidung von Oberst Klein? Ließ sie ihn glauben, rund um die entführten Tanklaster am Kundus-Fluss seien ausschließlich Taliban-Kämpfer anwesend?

Unbekannt ist auch, wie im Verteidigungsministerium auf die katastrophale Bombardierung reagiert wurde. Wusste der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung, dass der Bundeswehr-Führung schon am Nachmittag des 4. September Informationen über zivile Opfer vorlagen? Oder wollte er das gar nicht wissen und lieber ungestört seine Wahlkampftour fortsetzen?  Gab es gar eine Order aus der Führungsebene des Ministeriums, den Eintrag zu möglichen zivilen Opfern aus dem Isaf-Protokollsystem zu löschen? Oder handelte die Generalität eigenmächtig, vielleicht aus vorauseilendem Gehorsam? Diese Varianten wurden heute im Umfeld des Kundus-Untersuchungsausschusses diskutiert – und für möglich gehalten.