Ist die Forderung, dass Arbeit sich auch für Geringverdiener lohnen müsse, nun ein Tabubruch, wie FDP-Chef Guido Westerwelle zu glauben scheint, oder eine Selbstverständlichkeit, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel ihrem Vizekanzler öffentlich bedeutete? Nach Ansicht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ist sie vor allem eins: Realität.

In jenem Gastbeitrag für Die Welt, in dem Westerwelle vor "spätrömischer Dekadenz" warnte und mit dem er die seither andauernde Sozialstaatsdebatte lostrat, verwendete er zur Veranschaulichung seiner These das Beispiel einer Kellnerin. "Wer kellnert, verheiratet ist und zwei Kinder hat, bekommt im Schnitt 109 Euro weniger im Monat, als wenn er oder sie Hartz IV bezöge", behauptete der FDP-Chef damals.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat das nachgerechnet und stellte fest: Der Familie der Kellnerin stehen – selbst wenn die Frau allein verdient – im Monat 374 Euro mehr zur Verfügung als wenn sie Hartz IV bezöge. Auch wenn die Kellnerin alleinerziehend wäre, hätte sie immer noch 341 Euro mehr Einkommen.

"Wer in Deutschland Vollzeit arbeitet, hat mehr als der, der nicht arbeitet", sagt der Hauptgeschäftsführer der Verbands, Ulrich Schneider. Dass derzeit so viele falsche Zahlen im Umlauf seien, habe vor allem damit zu tun, dass bei den Vergleichen ignoriert werde, dass Niedrigverdiener auch Anspruch auf staatliches Wohngeld und den Kinderzuschlag hätten. Dies müsse aber einbezogen werden, schließlich gehe es um den Vergleich von Haushaltseinkommen. "Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier mit falschen, weil unvollständigen Berechnungen Politik gemacht werden soll", kritisiert Schneider.

Guido Westerwelle ist allerdings nicht der einzige, der in letzter Zeit derartige Rechenbeispiele publik gemacht hat. Ähnliche Zahlen wurden auch vom Bund der Steuerzahler und vom Kieler Institut für Weltwirtschaft verbreitet. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat es deswegen nicht bei einer Einzelberechnung belassen sondern 196 Beispiele durchgerechnet. Diese ergäben ein "systematisches Abbild der unteren Lohngruppen bis tief in den Niedriglohnsektor hinein". So habe man bewusst jene Berufe herangezogen, die immer wieder genannt werden: Verkäuferinnen, Wachleute und Zeitarbeiter zum Beispiel.

Dabei habe man festgestellt, dass bei all diesen Personen das Lohnabstandsgebot gewahrt sei. Bei Vollzeit arbeitenden Singles betrage der Unterschied zu einem Hartz-IV-Empfänger zwischen 300 und 900 Euro pro Monat, bei Alleinerziehenden zwischen 300 und 500 Euro, bei Paaren mit Kindern bis zu 600 Euro und bei Paaren ohne Kinder 280 Euro.

Allerdings: In die Berechnung einbezogen wurden nur Personen, die mindestens einen Stundenlohn von 5,90 erhalten. Löhne, die darunter lägen, seien sittenwidrig, begründete Schneider diese Einschränkung. Menschen mit so niedrigem Gehalt stellten zudem nur eine sehr kleine Minderheit dar. Aus der Existenz dieser Gruppe könne man nicht schließen, dass das Lohnabstandsgebot in Deutschland generell in Gefahr sei.