Selten hat man die SPD so vergnügt gesehen zuletzt. Thomas Oppermann jedenfalls, ihr parlamentarischer Geschäftsführer, ist mit sich und der Parteien-Welt an diesem Mittwochmorgen zufrieden. Er lästert über die "offenen Aggressionsausbrüche bei der CSU", die über die Gesundheitspolitik streitet. Er mokiert sich über den Konflikt von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrem Finanzminister Wolfgang Schäuble in der Frage, wie man den verschuldeten Griechen helfen könne. Und er watscht den "neokommunistischen Programmentwurf" ab, den die Linkspartei an diesem Wochenende vorgestellt hat. All das, sagt Oppermann selbstzufrieden, "öffnet viel Raum für die SPD".

Die neuesten Umfragen geben ihm Recht. Die SPD ist die Gewinnerin zweier jüngst veröffentlichter Erhebungen. In der wöchentlichen Forsa-Umfrage kletterte sie um zwei Prozentpunkte auf 25 Prozent. Laut dem Allensbacher Institut für Demoskopie gewinnt sie im Vergleich zum Vormonat zwei Punkte hinzu und kommt nun auf 25,5 Prozent. Zwar liegen die Sozialdemokraten nach wie vor weit entfernt von den alten Volkspartei-Werten. Aber immerhin: Lange ist es her, dass der rote Balken so steil nach oben gezeigt hat.  

Auf fallende Balken starren dagegen die Regierungsparteien. Die FDP ist bereits nahezu auf die Hälfte ihres Ergebnisses der Bundestagswahl zurückgefallen. Damals holten die Liberalen 14,6 Prozent, heute sind es bloß noch 8 (forsa), beziehungsweise 9 Prozent (Allensbach, Vormonat 10,5). Manfred Güllner, der Chef von forsa, sagt ZEIT ONLINE: Die Deutschen, die traditionell keinen Streit in der Regierung mögen, sähen in der FDP und speziell in ihrem Vorsitzenden Westerwelle den "größten Streithansel der Republik".

Die FDP, die 2009 noch von einem Hoch zum nächsten kletterte, reagiert inzwischen dünnhäutig auf die Umfragen. Man sei nicht gewählt worden, um von allen geliebt zu werden, sagte Westerwelle kürzlich. Andere Liberale weigern sich, anders als noch im Vorjahr, "jede neue Umfrage" zu kommentieren. Intern wird allerdings seit ein paar Wochen durchaus die Parole ausgegeben: weniger Streit, mehr Seriosität. Allerdings trägt dieser Vorsatz oft nur bis zur nächsten Provokation durch die Söders, Röttgens oder Gabriels der Republik.

Wer genauer hinsieht, stellt allerdings fest, dass die FDP derzeit gar nicht die größte demoskopische Verliererin ist, sondern die Union. Bei forsa fallen CDU/CSU im Vergleich zur Vorwoche um zwei Punkte auf nur noch 32 Prozent. Bei Allensbach zeichnet sich in der monatlichen Erhebung ein ähnlicher Trend ab: von 37 auf 36. Forsa-Chef Güllner hat dafür folgende Erklärung: Nach der Wahl profitierte die Union zunächst in den Umfragen von enttäuschten FDP-Wählern, die im September oft aus taktischen Gründen Gelb wählten – da sie keine Neuauflage der Großen Koalition wollten. Inzwischen aber wirke sich die schlechte Performance der Regierung auch auf die Zustimmungswerte der Union aus.

Hinzu kämen die Missbrauchsskandale bei der Kirche, sagt Güllner. Seit Januar habe die Union 10 Prozent der Katholiken verloren. CDU und CSU, deren Kernschicht aus Katholiken besteht, hätten offenbar derzeit unter dem Vertrauensverlust der katholischen Kirche zu leiden.

Ob auch die Kanzlerin schuld ist? Zuletzt hat Merkel schließlich in den persönlichen Umfragen ebenfalls an Popularität eingebüßt. Güllner verneint dies. In der Frage nach der Kanzlerpräferenz erziele Merkel noch immer mehr als 50 Prozent. Werte also, "von denen Kohl in 16 Jahren Kanzlerschaft nur träumen konnte". Allerdings habe Merkels Popularität kaum Auswirkungen auf die Popularität der Union; anders als bei ihrem Vorgänger Schröder, der die SPD stets nach oben oder unten mitzog. Merkel dagegen habe sich durch ihren präsidialen Führungsstil von ihrer Partei demoskopisch entkoppelt, sagt Güllner.