Manchmal kann man an einem Gesichtsausdruck ablesen, wie sich die Gewichte in der Welt verschieben. So etwa an diesem Mittwochabend  des Flughafens Congonhas von Sao Paulo. Da tritt ein deutscher Außenminister müde, aber zufrieden lächelnd mit seinem engsten Tross aus der Tür der VIP-Lounge, in der er gerade unverhofft doch noch eine Audienz beim brasilianischen Präsidenten Lula bekommen hat. Bis zuletzt war das nicht absehbar gewesen. Dann aber fand sich ein freier Slot in Lulas Terminplan. Guido Westerwelle flog mit dem Hubschrauber über die unfassliche Megametropole Sao Paulo, das industrielle Herz der aufstrebenden Macht Brasilien, um dem populären Führer des Landes seine Aufwartung zu machen. Als der Deutsche dann schließlich vor die Presse trat, leuchtete er wie beseelt.

So haben sich die Verhältnisse in der Welt gewendet: Der Brasilianer ist der Umworbene, der Deutsche braucht den Termin. Westerwelle war die Genugtuung anzusehen: Er hatte auf seiner bisher längsten – immerhin einwöchigen – Reise den mächtigsten Mann Lateinamerikas getroffen.

An diesem Abend wusste Westerwelle wohl noch nicht, dass daheim auch am folgenden Tag vor allem wieder eine Frage die Medien interessieren würde: Begünstigt der Minister auf seinen Reisen Wirtschaftsführer, die seiner Partei nahestehen? In neuen Berichten ist nun sogar die Rede davon, dass der Mitinhaber einer Beratungsfirma, an der auch Westerwelles Bruders Kai beteiligt ist, auf der Asienreise im Januar nach Tokio und Peking vertreten gewesen sein soll.    

Der Sprecher des Amtes, Andreas Peschke, muss nun, statt die offensive Außenwirtschaftspolitik seines Chefs zu erläutern, die Beteiligung des China- und Asienexperten Ralf Marohn an der letzten Ministerreise erklären. In Sao Paulo hieß es heute dazu: "Herr Marohn genießt seit vielen Jahren einen hervorragenden Ruf als China- und Asienexperte. Deswegen berät Herr Marohn unter anderem auch die Landesregierung von Rheinland-Pfalz und hat Ministerpräsident Kurt Beck und Landesminister auf Auslandsreisen begleitet. Die Mitreise beim Bundesminister des Auswärtigen Amtes erfolgte allein auf der Grundlage der fachlichen Expertise."

Allerdings hatte ja auch niemand die Expertise des Herrn Marohn bezweifelt. Es ist einzig die Beteiligung des Westerwelle-Bruders an Marohns Firma Far Eastern Fernost Beratungs- und Handels GmbH, die den Anstoß erregt. Dass es nicht noch andere China-Experten gibt, die man hätte fragen können, würde niemand behaupten.

Für die deutschen Diplomaten, die Westerwelles Reise vorbereitet haben und den Minister begleiten, ist das bitter: Während sie zufrieden und glücklich auf die hochrangigen Kontakte verweisen, die sie ihrem Minister vermitteln konnten, redet alle Welt nur von den Connections mancher Mitreisender zu Westerwelles Partei – und nun gar noch über eventuelle familiäre Interessen. In Chile sprach Westerwelle mit dem künftigen Präsidenten Pinera, in Argentinien traf er die amtierende Präsidentin Kirchner und in Uruguay plauderte er mit dem frisch gewählten Staatschef Mujica. Das zeigt etwas: Nicht nur jene Amtskollegen nahmen sich Zeit, die protokollarisch ohnehin dazu verpflichtet sind, sondern die höchsten Repräsentanten.

Eigentlich sollte die Reise dem Zweck dienen, eine neue "Lateinamerika-Strategie" zu lancieren und einen immer noch unterschätzten Kontinent in ein neues Licht zu rücken. Doch Tag um Tag gerät stattdessen der Minister mehr ins Zwielicht, jedenfalls in der Debatte daheim. Dabei hat er mit Lateinamerika endlich ein großes eigenes Thema am Wickel. Zuhause aber interessiert sich kein Mensch für die "strategische" Dimension dieser Reise, die der Außenminister zu Recht immer wieder betont.

Man kann auf der Reise beobachten, wie Reporterkollegen verzweifelt versuchen, ihren Heimatredaktionen zum Beispiel exklusive Bilder von Westerwelles Umarmung mit Lula zu verkaufen – vergeblich. Kurz danach werden sie dann zurückgerufen und gefragt, ob sie etwas zu den mutmaßlichen Verwicklungen des Westerwelle-Bruders liefern können. Oder über den mitreisenden Lebenspartner des Ministers, Michael Mronz, einen Unternehmer, der sein Geld mit der Vermarktung von Sportevents verdient. Weil es auf dieser Reise in Brasilien einige Termine gibt, bei denen künftige sportliche Großereignisse im Mittelpunkt stehen – die Fußball-WM und Olympia – wird die Mitreise des Lebenspartners in den Verdacht gerückt, hier gehe es, wie indirekt auch immer, um die Anbahnung von Geschäftskontakten. Dafür gibt es bisher zwar nicht die geringsten Hinweise. Mronz ist finanziell unabhängig und zahlt seine Reise selbst.

Trotzdem stellt sich die Frage: Warum immunisiert ein politischer Profi wie Westerwelle sich und seinen Partner nicht gegen solche Vorwürfe? Er versucht sie abzutun, indem er die Angreifer in den Ruch der Homophobie bringt. In anderen Worten: Würde er mit einer Michaela statt mit einem Michael reisen, gäbe es nicht dieses Geschrei. Das ist leider ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver. Denn dass Westerwelle Mronz mitnimmt, ist von der Öffentlichkeit bisher positiv aufgenommen worden. Man hat dem Außenminister sogar Respekt gezollt für den Mut, als erster auf dieser großen Bühne so offen mit seiner Homosexualität umzugehen. Aber vielleicht wäre es dennoch klüger gewesen, bei einer Reise, die auch sportliche Großereignisse und eventuelle Interessen der deutschen Industrie daran zum Thema hat, den Sportevent-Manager daheim zu lassen?

Darum wird von amtlicher Seite nun besonders darauf geachtet, dass Mronz ein gesondertes "Damenprogramm" – wie das im Protokoll früher genannt wurde – absolviert, das so fern wie möglich von seinen Geschäftsinteressen liegt. Als Botschafter der Initiative Ein Herz für Kinder besucht er soziale Projekte und übergibt Spendenschecks. Eben das wirkt nun aber auch sehr absichtsvoll. In Sao Paulo besucht Mronz "das soziale Projekt Alavanca Brazil", am morgigen Tag in Rio die soziale Projektorganisation Kinderdorf Rio e.V.. Westerwelle ließ in Sao Paulo erklären: "Da der Opposition die politischen Argumente ausgehen, versuchen sie (sic) es jetzt mit persönlichen Argumenten gegen mich und meine Familie."

Das ist Chuzpe: Nicht die Opposition hat die Einladungspolitik des Amtes zu verantworten, sondern der Minister, der die letzte Entscheidung über seine Gästeliste hat. Der Minister tut die Debatte als durchsichtige Kampagne des politischen Gegners ab. Aber so einfach ist es nicht: Man kann gerade von einem wirtschaftsfreundlichen Standpunkt aus die Diskussion um die Reisepolitik des Ministers als Desaster betrachten. Alle Minister vor Westerwelle haben sich von Wirtschaftsdelegationen begleiten lassen. Und dass immer auch parteinahe Vertreter mit dabei waren, bestreitet niemand – bei den Sozialdemokraten etwa Vertreter der Energiewirtschaft. Frank-Walter Steinmeier hatte als Außenminister elf Mal den befreundeten Medienanwalt Detlev Prinz mit dabei. Das war wohl kaum jedes Mal aus der Reiseplanung zu rechtfertigen.