Guido Westerwelle strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Er winkt ins Publikum, das sich inzwischen erhoben hat und rhythmisch klatscht. Westerwelle kostet den Moment aus. Erst nach ein paar Minuten scheint es ihm geboten, sich wieder auf seinen Platz zu setzen. Da aber der Applaus anhält, stürmt er noch mal nach vorn, auf die Spitze der Parteitagsbühne – wie ein Schauspieler, der bereits hinter dem Vorhang verschwunden ist. Er winkt wieder. Das Auditorium jubelt.

Es ist der erste öffentliche Auftritt des Bundesaußenministers nach seiner einwöchigen Südamerika-Reise, die ihm wegen seiner Entourage, die unter anderem aus FDP-nahen Unternehmern bestand, viel Kritik eingebracht hat. Die nordrhein-westfälische FDP ist in Siegen zum Parteitag zusammengekommen, um das Wahlkampfprogramm zu beschließen. Westerwelles Rede ist der mit Spannung erwartete Höhe- und Schlusspunkt des Parteitags.

Dass Westerwelle sich als Opfer einer Kampagne darstellen würde – und nicht etwa selbstkritisch oder nachdenklich auftreten würde, ließ sich bereits am Samstagabend erahnen. Noch auf dem Rollfeld des Flughafen Tegels hatte Westerwelle bei seiner Ankunft mitgeteilt, wie er die Debatte bewerte, die in seiner Abwesenheit entbrannt ist: als durchsichtigen, niederträchtigen Versuch der Opposition und linker Medien, ihn zu diskreditieren. Während der Auslandsreise habe er sich zurückgehalten, da das der Anstand gegenüber den besuchten Staatsmännern gebiete. Nun sei wieder in Deutschland, nun werde er sich wehren.

Ein Vertrauter von Westerwelle sagt in Siegen: Westerwelle hätten die Vorwürfe tatsächlich überrascht und gekränkt. Er, der so viel Wert auf gute Manieren und Umgangsformen lege, fühle sich in seiner Ehre getroffen. Nichts mache ihm mehr zu schaffen, als Zweifel an seiner persönlichen Integrität. "Das tat ihm weh", heißt es. Dass Spitzenpolitiker "persönliche Netzwerke haben" und pflegen, sei eben "politische Realität", sagt FDP-Generalsekretär Lindner. Westerwelle habe die gängigen Regeln und Gepflogenheiten für Auslandsreisen peinlich genau beachtet.

Entsprechend verhält sich Westerwelle auf dem Parteitagspodium am Sonntagmorgen: Er zeigt sich ein bisschen gekränkt, vor allem aber stolz und unbeirrbar. Hinterher ist er gerührt, ob der Zuneigung, die ihm seine Basis signalisiert. Umgeben von seinen Parteifreunden aus seinem Heimatlandesverband interpretiert er die "unappetitlichen" Vorwürfe als Ouvertüre des politischen Gegners zum Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Aber da müsse man als Regierungspartei durch, sagt er auf dem Podium. "Unsere Aufgabe ist es nicht, beliebt werden." 

Aber zunächst geht es gar nicht um Spender oder Reisebegleiter. Der erste Teil der Rede ist Westerwelles politisches Glaubensbekenntnis, oft gehört, aber inzwischen mit einigen Erfahrungen aus seinen Auslandsreisen unterlegt. Westerwelle preist Fortschritt und Fleiß. Brasilien und China drohten Deutschland zu überholen, weil es hier eine größere Leistungsbereitschaft gebe. Während Finnland gerade die "dritte Generation" der nuklearen Energie entdecke, streiten dieselben deutschen Bedenkenträger wie seit den achtziger Jahren.