Eine Landstraße zwischen Elmshorn und Glückstadt. Jürgen Trittin bremst. "Wir können nicht die ganze Strecke auf die zulaufen", sagt er immer wieder. Er dreht sich mehrfach um, sucht nach Unterstützung. Aber keiner hält an. Der grüne Bundesspitze schreitet unaufhörlich voran, schnurstracks in Richtung SPD. Immer weiter zu auf Sigmar Gabriel, der an Streckenabschnitt drei mit seinen Parteianhängern wartet. Und gar nicht daran denkt, sich auf die Grünen zu zu bewegen. Geplant war ein Treffen in der Mitte. Am Ende aber begegnen sich die Gruppen ganz in der Nähe der SPD.

"Daran sieht man wieder einmal die Arroganz der SPD", sagt ein hochrangiger Parteifunktionär – nicht Jürgen Trittin – später. Er möchte damit aber nicht namentlich zitiert werden.

Rot-Grün will hier ihren Schulterschluss gegen die Atomkraft demonstrieren. Genauso wie 120.000 andere Menschen, die dafür nach Norddeutschland gekommen sind, um zwischen den Atomkraftwerken in Brunsbüttel und Krümmel eine insgesamt 120 Kilometer lange Menschenkette zu bilden. Aus der ganzen Republik sind die Teilnehmer angereist, und die Berliner Spitze aus SPD und Grünen ist fast geschlossen nach Elmshorn gekommen. In Ahaus und Biblis sind 26.000 weitere Demonstranten auf die Straße gegangen, um dem Unglück von Tschernobyl vor 24 Jahren zu gedenken und die Abkehr vom bereits vereinbarten Atomausstieg zu verhindern.

Auch Jonathan, fünf Jahre alt, will heute ein Zeichen setzen. Dabei hat er mit Politik nichts am Hut. In der Nähe von Streckenabschnitt sieben stolziert er mitten auf einer Elmshorner Hauptstraße. Um seinen kleinen Körper ist eine große Fahne geschlungen, in seiner rechten Hand hält er eine Trillerpfeife. Die braucht er eigentlich nicht. Seine Stimme ist laut genug. "Hopp, Hopp, Hopp. Atomkraft stopp", ruft er immer wieder, bis ihn seine Mutter unterbricht. Sie zeigt auf ein Transparent. "Weißt Du, was darauf steht?", fragt sie und blickt zu Jonathan hinab. Der schüttelt den Kopf, also liest sie ihm vor: "Asse braucht man nur beim Skat." Sie lacht. Jonathan kneift die Augen zusammen. "Was ist Asse?", fragt er dann.

Asse, erklärt ihm die Mutter, ist das atomare Zwischenlager nahe Gorleben. Womit die Mutter nicht ganz recht hat, es handelt sich bei Asse lediglich um ein Forschungsbergwerk, in dem jahrelang die Handhabung und die Lagerung von radioaktiven Abfällen erprobt wurde. Zwischen 1967 und 1978 wurden in 125.787 Fässern 46.930 Kubikmeter radioaktive Abfälle eingelagert. Es ist ein höchst instabiles Gewölbe, das die Gemüter erregt. In das Bergwerk ist Salzlösung eingedrungen. Jetzt droht der Einsturz. Auch deshalb sind so viele Menschen heute nach Norddeutschland gekommen. So wie Astrid Rothe-Beinlich, Landtagsabgeordnete aus Thüringen und Mitglied im Bundesvorstand der Grünen, die in Elmshorn ihren Posten bezogen hat.

Damit die kilometerlange Menschenkette auch wirklich zustande kommt, haben sich die Organisatoren ein ausgefeiltes Konzept einfallen lassen. Jedem Bundesland haben sie einen bestimmten Streckenabschnitt zugeordnet. Die Hannoveraner sollten in die nördlichen Abschnitte, alle aus Bayern eher gen Süden fahren. Berlin sollte geschlossen nach Elmshorn. Und weil der grüne Bundesvorstand nun einmal in der Regel in Berlin tagt, musste Astrid Rothe-Beinlich eben auch hierher.