Die Berliner SPD hat ein Problem, das Hertha BSC nicht hat: Sie muss um ihre Fans kämpfen. Ansonsten geht es der Regierungspartei ähnlich wie den Kickern in Blau-Weiß. Die Sozialdemokraten haben nur noch schwere Spiele vor sich – und die Reihen sind keineswegs fest geschlossen. Das erschwert die Lage. Wenn die SPD-Fraktion am Dienstag über den Börsengang des 2004 privatisierten Wohnungsunternehmens GSW berät, wird es bei der Probeabstimmung viele Abweichler geben. Hauptsächlich aus den stramm linken SPD-Kreisverbänden Spandau, Friedrichshain-Kreuzberg und Steglitz-Zehlendorf.

"Die Widerstände sind massiv", sagt auch ein Parteirechter. Gefordert wird, den vertraglich gesicherten Mieterschutz über 2014 hinaus zu verlängern. Denn die 100.000 GSW-Mieter, unter ihnen viele potenzielle SPD-Wähler, sollen nicht verunsichert werden. Lieber nehmen die Genossen eine politische Niederlage des Senats in Kauf, der sich am 30. März einverstanden erklärte, dass die GSW an der Börse notiert wird. Dafür fließen 30 Millionen Euro in die Landeskasse. Am 19. April stimmt das Abgeordnetenhaus in einer Sondersitzung über den Börsengang ab. Weil die rot-rote Mehrheit dafür nicht gesichert ist, muss der Senat auf die Schützenhilfe von CDU und FDP hoffen, die grundsätzlich positiv gestimmt sind, aber Bedingungen stellen.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit schweigt, jedenfalls in der Öffentlichkeit. Dass ihm die eigene Partei ohne schlechtes Gewissen in den Rücken fällt, ist ihm nicht neu und bis zur Sommerpause stehen weitere Niederlagen ins Haus. So spaltet die Verlängerung der Stadtautobahn A 100 den Landesverband und die Fraktion der SPD in zwei Hälften.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Koalitionspartner, die Linke, das Verkehrsprojekt auf ihrem Landesparteitag Ende April beerdigen wird. In der SPD werden die Konsequenzen des – vom Senat geplanten und vom Bund finanzierten – Autobahnbaus noch intensiv diskutiert, aber der Stadtentwicklungsexperte Daniel Buchholz repräsentiert wohl eine knappe Mehrheit in der SPD-Abgeordnetenhausfraktion. Er lehnt das Vorhaben ab und ist irritiert über die Durchhalteparolen der Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer. Aus fachlichen, aber auch aus wahlstrategischen Gründen: "Der Weiterbau der A 100 wäre doch eine Steilvorlage für die Grünen."

Die Angst vor den Wählern bestimmt auch das Verhalten der Berliner Sozialdemokraten, wenn es um die Zukunft der Gesundheitskonzerne Charité und Vivantes geht. Auch wenn die Arbeitsgruppe des Senats bis Juni pflichtschuldig einen gemeinsamen Vorschlag erarbeiten will, sind die Würfel in der SPD längst gefallen: Das Klinikum Benjamin Franklin wird nicht angetastet, das Auguste-Viktoria-Krankenhaus bleibt, vielleicht werden ein paar Krankenhausbetten quer durch die Stadt verschoben. Das war’s. "Es ist ein viel zu großer Brocken", heißt es fraktionsintern. Vor der Abgeordnetenhauswahl im Herbst 2011 bleibe alles, wie es ist.

In diesem Fall sind sich die Genossen mit Wowereit sogar einig, der das Problem ebenfalls in die nächste Legislaturperiode schieben will. Er kann übrigens froh sein, wenn ein anderer dicker Brocken bald aus dem Weg geräumt wird: Die Sanierung des Internationalen Congress-Centrums (ICC).

Ein weiteres Thema bewegt die Berliner Sozialdemokraten sehr: Sie wollen Wasserbetriebe und Gasag gern wieder in öffentliches Eigentum überführen und der bundeseigenen Bahn AG die desolate S-Bahn abkaufen. Entsprechende Vorschläge will eine SPD-interne Arbeitsgruppe noch im April veröffentlichen. Die Wähler sollen der Regierungspartei die gute Absicht danken, außerdem liegt die Rekommunalisierung privater Versorgungsunternehmen inzwischen bundesweit im Trend. Die Frage ist nur, wer diese "irren Investitionen" (so ein SPD-Experte) bezahlen soll. Finanzsenator Nußbaum hat die notwendigen Milliarden bisher nicht gefunden und Regierungschef Wowereit bezweifelt, so hört man, dass das Unternehmens-Shopping dem Land und den Bürgern weiterhilft.