Nach Wochen des verdeckten Wahlkampfes kann nun endlich mit offenem Visier gekämpft werden. Am 6. Mai wird ein neues Parlament gewählt. Gordon Brown stimmte am Dienstagmorgen, nach seiner Visite bei Königin Elisabeth II., bei der er um Auflösung des Unterhauses nachgesucht hatte, das Leitmotiv seiner Wahlkampagne an: Gefährdet nicht das Erreichte. Eine Stimme für die Konservativen werde die wirtschaftliche Erholung gefährden, für die er gesorgt habe, und das Land in die Krise zurückstoßen.

Dagegen setzte Torychef David Cameron auf Optimismus und Neubeginn: Im Stile eines John F. Kennedy beschwor er Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Nach 13 Jahren Labour sei die Zeit reif sei für einen Wechsel. Nick Clegg, Chef der ewig hoffenden dritten Kraft britischer Politik, der Liberaldemokraten, hofft darauf, dass die Unentschlossenheit der Wähler seiner Partei endlich, nach Jahrzehnten der Ohnmacht, wieder zu realer Macht verhelfen könnte. In einem Parlament ohne eine Mehrheit für Labour oder Tories könnten die Liberaldemokraten den Königsmacher spielen und gegebenenfalls in eine Koalitionsregierung eintreten.

In den nächsten 30 Tagen werden die Briten die Argumente der Parteien bis zum Überdruss vernehmen. Dabei sollte man meinen, sie hätten sich längst ihre Meinung gebildet und die Wahl sei im Grunde längst entschieden. Schließlich bestätigt noch jede Umfrage, dass der sauertöpfische Gordon Brown den Briten seit Langem auf die Nerven geht. Alles spricht für einen Wechsel, zumal David Cameron seinen Konservativen die reaktionären Ansichten weitgehend ausgetrieben hat. Auch lasten die meisten Wähler dem Premier, der sich jahrelang seiner "Umsicht" gebrüstet hatte, die schlimmste Rezession seit 60 Jahren an.

Auch die neue Militanz, die bei den Gewerkschaften um sich greift, spielt eher der Opposition in die Hände und ist der Labourregierung äußerst unwillkommen. Eine Serie von Streiks, zumal im privilegierten öffentlichen Dienst, könnte ungute Erinnerungen an das Chaos der siebziger wecken. Hinzu kommt, dass die Verschuldung des Landes auf schwindelerregende Höhe geschnellt ist, nicht zuletzt, weil die Banken mit Steuermitteln gerettet werden mussten.

Auch dafür trägt Gordon Brown Verantwortung: Er hatte der Finanzindustrie mit seiner "Regulierung der leichten Hand" zu viel Freiheiten gelassen. Hinzu gesellt sich der Verschleiß, der nach vielen Jahren an der Macht offenbar unabänderlich ist. Die Labourregierung ähnelt in verblüffender Weise der letzten Toryregierung der neunziger Jahre unter John Major: Sie wirkt verbraucht, ideenlos und schmuddelig. Typisch der jüngste Skandal, der enthüllte, wie diverse Ex-Minister sich als Lobbyisten andienten, für ein Tageshonorar von 3000 bis 5000 Pfund; sie demonstrierten ein erschreckendes Maß an Gier und Dummheit.

Zu bedenken ist allerdings, dass die Wahl in einer Atmosphäre der Verachtung der Wähler für die gesamte politische Klasse stattfindet, allen voran wegen des Spesenskandals, in den Abgeordnete aller drei Parteien verwickelt waren.

Doch die Umfragen, die beinah täglich produziert werden, verheißen immer noch keine klare Richtung. Der Vorsprung der Tories, der noch im Herbst 2009 bei 17 Prozent lag, ist seither dramatisch zusammengeschrumpft. Manche der neuesten Umfragen geben den Konservativen einen 10-prozentigen Vorsprung. Das würde für eine knappe Mehrheit im Parlament reichen. Andere Umfragen prognostizieren ein Parlament ohne absolute Mehrheit für die Tories und deuten womöglich sogar auf ein Ergebnis hin, dass Brown politisch überleben lassen könnte.