ZEIT ONLINE: Herr Huber, braucht die größte Einzelgewerkschaft der Welt einen Vorsitzenden, der sich mit der Kanzlerin und dem Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, bestens versteht?

Berthold Huber: Auf jeden Fall braucht die IG Metall keinen Vorsitzenden, der isoliert ist und keine Kommunikationswege in Politik, Unternehmen und Gesellschaft hat. Wir haben 1993/94 in der letzten Krise der Metall- und Elektroindustrie fast eine Millionen Arbeitsplätze und 7,3 Prozent unserer Mitglieder verloren. Heute haben wir nicht zuletzt durch unsere Krisenintervention eine positive Entwicklung. Ich bin zuständig für das, was die Mitglieder bewegt, und das sind nun mal sichere Arbeitsplätze und sichere Einkommen. Warum sollte ich mir das vorwerfen lassen?

ZEIT ONLINE: Kein Vorwurf, eine Feststellung: Sie sind mittlerweile ein respektierter Geschäftspartner der Politik, weil sie als Pragmatiker gelten, anders als ihr Vorgänger Peters.

Huber: Am Ende des Tages zählt, was rauskommt. Bislang haben wir die Krisensituation gut gemeistert. Ich sehe keinen generellen Wechsel in der kämpferischen Haltung der IG Metall.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch, das in diesen Tagen erscheint, schreiben Sie: Ein Gewerkschaftsführer muss Diplomat sein – und gleichzeitig Frontkämpfer. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Huber: Wir haben eine Tarifrunde hinter uns, die hohe Zustimmung erfahren hat bei unseren Mitgliedern. Und zwar, ohne dass wir sie aufgefordert haben, auf die Straßen zu gehen. Es gibt viele Kapitalisten, die sagen: Das war das cleverste, was ihr je gemacht habt.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Huber: Weil wir die Arbeitgeber auf einen konstruktiven Weg gezwungen haben. Sie hätten erklären müssen, dass sie Krach haben wollen. Ich wähle den Konflikt nur dann, wenn es nicht anders geht.

ZEIT ONLINE: Arbeitsmarkt-Ökonomen bezeichnen den Metaller-Abschluss als moderat.

Huber: Natürlich sagen die das. Aber welcher Wirtschaftszweig hat besser abgeschlossen?

ZEIT ONLINE: Vor zwei Jahren forderten Sie noch acht Prozent.

Huber: Wir hatten vor zwei Jahren keine Krise in diesem Ausmaß. Die Forderung von acht Prozent hatte etwas mit der besonderen wirtschaftlichen Lage in 2008 zu tun. Da gab es bei unseren Mitgliedern eine aufgestaute Erwartung aus der Entwicklung 2005 bis 2008. 4,2 Prozent mehr Lohn im Jahr 2009 – das ist ein bemerkenswertes Ergebnis angesichts einer Preissteigungsrate von 0,3 Prozent.

ZEIT ONLINE: Trotzdem bleibt der Eindruck hängen, die Beschäftigten müssten in der Krise immer weiter Zugeständnisse machen. Wie lange noch? Wann sagen auch Sie: Feuer frei?

Huber: Das kann ich Ihnen heute nicht sagen. Ich weiß nur, dass wir eine längere Zeit reduzierten Wirtschaftswachstums vor uns haben. Das hat auch Konsequenzen für unsere Tarifpolitik. Im Moment bewegen wir uns am Rande einer Deflation, und die gesamtwirtschaftliche Lage ist nicht begeisternd. Wenn wir eine Krisensituation in der Automobilindustrie haben, setzt das hohen Forderungen und Arbeitskampfmaßnahmen enge Grenzen. Daraus abzuleiten, dass wir irgendwie handzahm werden, halte ich für dummes Zeug. Man sollte nur dann, wenn die Situation reif ist, auf die Pauke hauen.