Es ist 15:11 Uhr als Guido Westerwelle in der Kölner Messehalle eintrifft. Der erste Teil des Parteitags fand ohne den FDP-Chef und Außenminister statt, der stattdessen auf der Ehrenfeier für die getöteten Bundeswehr-Soldaten in Ingoldstadt weilte. Westerwelle schreitet also zum Parteitagspodium. Die Miene ist ernst, der Beifall gebremst, immerhin kommt er von einem Staatsbegräbnis. In den nächsten 90 Minuten wird Westerwelle sich zurücklehnen und kaum ein Wort sagen. Er wird die Dinge beobachten, die da kommen, wohlwollend und sichtlich entspannt.

Die Wahl und die anschließende Grundsatzrede von Christian Lindner zum neuen Generalsekretär der FDP stehen nämlich an. Lindner ist kommissarisch schon seit dem Jahreswechsel im Amt. Heute folgt erst die offizielle Bestätigung. Westerwelle hat sich viel Zeit gelassen mit Lindners Nominierung. Nach dem Machtwechsel hatten die Neubesetzungen in den Ministerien und der Fraktion Vorrang. An der Basis rumorte es bereits, weil Westerwelle die Parteiarbeit vernachlässigte und sich offensichtlich nicht entscheiden konnte. Lange galt der Niedersachse Patrick Döring als Favorit auf den Generalssekretärsposten. Der 31-jährige Lindner, Spitzname: "Bambi", erschien ihm womöglich etwas zu grün.

Inzwischen hat Westerwelle aber mehrfach zum Ausdruck gebracht wie glücklich er ist, dass seine Wahl letztlich doch auf Lindner fiel. Er schätzt seine Eloquenz, seine Höflichkeit, sein Engagement. Ihm gefällt, dass Lindner sich nach seinem Wechsel von Düsseldorf nach Berlin so schnell eingefunden hat. Er ist beliebt an der Basis, in der Geschäftsstelle, ja sogar bei manchem Hauptstadtjournalisten.

Kein Wunder also, dass Lindner mit großer Mehrheit gewählt wird. Er erhält 486 von 508 Stimmen. Das entspricht einer fast sozialistischen Zustimmungsrate von 95,6 Prozent. Westerwelle selbst hatte bei seiner ersten Wahl zum Generalsekretär im Jahr 1994 bloß 79 Prozent der Stimmen erhalten.

Westerwelle lehnt sich zurück, das Kinn auf die Faust gestützt und lauscht konzentriert der Rede. Erstmals seit langem ist nicht er es, der einen FDP-Parteitag anheizt und aufputscht.

Denn reden, das kann Lindner. Er spricht 45 Minuten lang frei, in komplexen, aber nicht sperrigen Satzkonstruktionen. Es ist eine anspruchsvolle Rede, anfangs fast ein philosophisches Referat. Lindner spricht über den Staat, den man nicht als "metaphorische Größe" betrachten dürfe, wie es die linken Parteien täten. Sonst hätte man nicht "freie, sondern gelenkte Menschen", so seine anthropologische Schlussfolgerung. Das ganze garniert er mit viel Pathos und ein paar ideengeschichtlichen Selbstverordnungen.

Eine derart ambitionierte Rede von einem FDP-Generalsekretär hat man lange nicht gehört. Jedenfalls nicht von Lindners Vorgängern Dirk Niebel oder Cornelia Pieper. Unter ihnen litt die Programmarbeit. In dieser Zeit habe sich die FDP ideologisch auf eine Steuersenkungspartei verengt, sagen die parteiinternen Kritiker. Als Oppositionschef war Westerwelle das nicht unrecht, in der Opposition war er das strategische Zentrum. Heute, als Vizekanzler, braucht er Entlastung und hat nichts gegen neue Impulse. Niebel und Pieper, inzwischen in Staatsämtern untergebracht, sitzen übrigens auch auf dem Podium. Beide gehören zu den wenigen, die nicht gebannt zuhören.