Lindner kann aber auch austeilen. Im zweiten Teil seiner Rede arbeitet er sich an den politischen Mitkonkurrenten ab, erst am Koalitionspartner, dann am politischen Gegner. Der Union wirft er vor, dass sie selbst nicht einig sei, wie und wann die Koalition die Steuern werde senken können. Am gleichen Tag hat Wolfgang Schäuble (CDU) diese nämlich in Frage gestellt und die CSU zur Eile gedrängt. Er greift die Stimmung auf, die den Parteitag beherrschte: Zorn und Unverständnis gegenüber den Sticheleien der Union.

Dem SPD-Parteichef Sigmar Gabriel, den Lindner "den designierten Kanzlerkandidaten" nennt, wirft er vor, eine sozialpolitische "Agenda 1970" zu propagieren, da er auf die Linkspartei schiele.

Das Publikum in der Messehalle ist begeistert. Lindner erhält einen langen, warmen Applaus. Die anderen Spitzenpolitiker drängeln sich darum, wer ihm als erstes gratulieren darf. Niebel klatscht seinem Nachfolger so kräftig auf die dünnen Schultern, dass man fast Angst hat, sie könnten zerbrechen.

Auch Westerwelle strahlt. Er hat während der Rede zu vielen Argumenten genickt, bei Pointen gelacht und oft und kräftig geklatscht. Er ist in diesem Moment, um 16:49 Uhr, sehr zufrieden.