Sie lachen, laut und demonstrativ, sie klopfen sich auf die Schulter, kräftig und ausdrucksstark. Sie ereifern sich über all das Neoliberale, Marktradikale, Spießbürgerliche dieser Gesellschaft. Sie kichern, tuscheln, spielen sich die Bälle zu.

Rot-Grün ist wieder da – nach fünf Jahren Funkstelle. Seit 2005, seit dem Beginn der Großen Koalition, gab es kaum Kontakt zwischen den Spitzen der alten Bündnispartner, die davor sieben Jahren lang gemeinsam die Republik regiert haben. Keine Strategie-Treffen, keine gemeinsamen Wahlaufrufe. Es war eine nötige "Phase der Entfremdung", wie es in beiden Parteien im Rückblick heißt. Die Grünen näherten sich in dieser Zeit der Union an, schlossen Koalitionen im Saarland und in Hamburg. Die SPD überdachte ihre Arbeitsmarkt- und Kriegspolitik – und näherte sich der Linken an.

Selbst als man im Herbst 2009 wieder in der Opposition vereint war, blieb die Distanz. Im Bundestag klatschte man nun nicht mehr automatisch einander zu. Rot-Grün, so dachten die Parteistrategen, das passt nicht mehr ins moderne Fünf-Parteien-System.

Bis heute Nachmittag. Da traten – demonstrativ harmonisch – der Parteichef der SPD, die beiden Vorsitzenden der Grünen und die jeweiligen Spitzenkandidatinnen für die nordrhein-westfälische Landtagswahl gemeinsam vor die Bundespressekonferenz. Der Grund: In zwanzig Tagen ist die NRW-Wahl. Und sowohl die SPD als auch die Grünen klettern seit geraumer Zeit in den Umfragen. Vor dem Machtwechsel in Berlin lagen die beiden Parteien in Nordrhein-Westfalen gemeinsam nicht mal bei über 40 Prozent. Nun, in den aktuellen Umfragen, liegen sie erstmals seit fünf Jahren vor Schwarz-Gelb. Außerdem gilt Rot-Grün in NRW derzeit als beliebteste aller möglichen Koalitionen, wie das gut gelaunte Politiker-Quintett an diesem Tag nicht müde wird zu betonen.

Es gibt also wieder eine realistische Machtperspektive und mit der schwarz-gelben Bundesregierung einen gemeinsamen Gegner. Deshalb rief SPD-Chef Sigmar Gabriel vor ein paar Tagen seinen Grünen-Kollegen Cem Özdemir an und fragte, ob man nicht gemeinsam etwas gegen die geplante Gesundheitsreform der FDP unternehmen wolle. Gut, sagte Özdemir, aber dann sollte man auch gleich ein Zeichen gegen die Atompolitik setzen. Nach kurzem Nachdenken fielen ihnen noch ein paar weitere Punkte ein: die Steuerreform, das finanzielle Ausbluten der Kommunen, die schwarz-gelbe Bildungspolitik – all das lehnt man kollektiv ab.

Heraus kam eine konzertierte Medien-Offensive, mit gemeinsamen Interviews, Veranstaltungen und Protestaktionen (etwa kommenden Samstag, wenn sich Gabriel und Jürgen Trittin an einer Menschenkette gegen Atomkraft beteiligen wollen). Und heraus kam: die rot-grüne Agenda 2.0. Ein "Revival" der alten Schröder-Fischer-Politik, eine "Retro-Koalition", will man nicht sein.

Es zeigt sich inhaltlich wie atmosphärisch: Anders als früher begegne man sich nun auf "Augenhöhe", wie die Grünen gern betonen. Sie sind seit der letzten Koalitionsphase gewachsen, die SPD ist geschrumpft. Tatsächlich haben sie derzeit die bessere Ausgangslage, da die CDU sich ebenfalls um sie bemüht. Gerade in Nordrhein-Westfalen haben die Grünen noch in unguter Erinnerung, mit welch Arroganz sie die früheren Ministerpräsidenten Clement und Steinbrück behandelten. "Lieber mit der höflichen CDU als mit den Machos von der SPD", sagt ein grüner Kommunalpolitiker, stellvertretend für viele.