Angela Merkel ist richtig angefressen. Es geht um die Finanzhilfe für Griechenland. Merkel erklärt, warum man die Last der Griechen "gemeinsam schultern" müsse. Minutenlang ist die Kanzlerin ausgepfiffen und ausgebuht worden. Jetzt wendet sie sich an die Störenfriede: "Die, die hier die ganze Zeit schreien, verstehen gar nichts." Das "a" von "gar" zieht sie in die Länge, wie eine strenge Lehrerin.

Dann greift sie sich einen "Herren" heraus, der sie besonders gestört hat. Man könne nicht einfach behaupten, Deutschland habe schon lange über die desolate finanzielle Lage Griechenlands Bescheid gewusst, blafft Merkel ihn an. Tatsächlich sei man hereingelegt worden. Aber vielleicht habe der feine "Herr" ja die "wahren Zahlen" früher gekannt, dann allerdings ziemlich exklusiv.

Merkels Regierungserklärung im Bundestag liegt neun Stunden zurück. Jetzt steht sie auf einem Marktplatz in Wuppertal. Sie ist nach Nordrhein-Westfalen geeilt, um mit Ministerpräsident Jürgen Rüttgers den Wahlkampf-Schlussspurt einzuläuten. Hundert Stunden sind es noch bis Sonntag, 18 Uhr. Schwarz-Gelb und Rot-Grün liegen in den Umfragen gleichauf. Jetzt beginnt die heiße Mobilisierungsphase. Auch die Landeschefs von Hessen und Hamburg, Roland Koch und Ole von Beust, sind gekommen.

Allerdings wird es keine fröhliche Feierstunde. Die Stimmung ist noch hitziger als am Morgen im Bundestag. Wuppertal hat knapp zwei Milliarden Euro Schulden. Die Stadt muss einen rigiden Sparkurs fahren. Die Milliardenkredite für Griechenland sind hier nicht populär. Die Lokalpolitiker erzählen, dass sie sich im Wahlkampf oft dafür rechtfertigen müssten. Aber es liegt nicht nur an Griechenland, dass in der Theaterstadt Wuppertal (deren Schauspielhaus das Aus droht) an diesem Abend ein merkwürdiges Spektakel geboten wird.

NRW-Wahlkampf - NRW-Wahlkampf: Pfeifkonzert in Wuppertal Angela Merkel zu den lautstarken Demonstranten auf der CDU-Wahlkampfveranstaltung in Wuppertal. Gefilmt von ZEIT-ONLINE-Redakteur Michael Schlieben.

Eine Stunde lang wird die CDU-Elite ausgepfiffen. Die Demonstranten: Schüler, Gewerkschafter, Arbeitslose, Umweltaktivisten, Anhänger anderer Parteien, Bürgerinitiativen und sonstigen Splittergruppen. Einige fordern den Atom-, andere den Hartz-Ausstieg. Zahlenmäßig sind sie den CDU-Anhängern klar unterlegen, aber sie machen mehr Krach mit ihren Tröten, Trillerpfeifen und Megaphonen. Ein Übriges tut die Akustik auf dem engen, fast quadratischen Johannes-Rau-Platz. Das Echo verstärkt den Protest der Buh-Rufer.

Schon bei ihrem Einzug auf dem Marktplatz merkten die CDU-Spitzen, dass es kein Heimspiel in der alten SPD-Hochburg wird. "Haut Ab"-Rufe. Merkel, die als erste das Podium betritt, verschränkt die Arme. Neben ihr steht Jürgen Rüttgers. Er soll gleich dem Publikum einheizen, noch beißt er sich nervös auf die Lippen.

Nur Roland Koch freut sich. Der hessische Ministerpräsident ist harte Wahlkämpfe gewöhnt. Er reibt sich die Hände, kurz bevor er als erster ans Rednerpult tritt. Den "verehrten Kehlkopf-Indianern" bestellt er "herzliche Grüße" aus Wiesbaden. Er habe "Sachverstand in Sachen Ypsilanti". Was er damit meint: Sollte die hiesige SPD-Chefin Kraft eine linke Mehrheit erhalten, werde sie diese nach der Wahl nutzen. Ganz gleich, was sie jetzt behaupte. Das habe die hessische Geschichte gelehrt.