Noch ist es kurz vor 18 Uhr und eine böse Vorahnung liegt in der Luft. Es könnte nicht reichen für Schwarz-Gelb. Dann wäre es aus mit der liberalen Regierungsbeteiligung in Düsseldorf. Mit einer anderen Partei als der CDU wolle man nicht regieren, da hatte sich die FDP schon früh festgelegt.

Dirk Niebel, Ex-Generalsekretär der FDP und Bundesminister, geht als einer der ersten Prominenten durch die Halle. Er hat viel Platz. Im Atrium der Parteizentrale stehen vor allem Journalisten und Jungliberale. Niebel verschwindet auf einer der oberen Etagen, die Regie schaltet auf den großen Fernsehern zwischen ARD und ZDF hektisch hin und her. Als würde das für die FDP einen Unterschied machen.

Als um Punkt 18 Uhr die erste Prognose gezeigt wird, ist es plötzlich ganz still im Thomas-Dehler-Haus. Man könnte sagen, dass die Liberalen gefasst reagieren. Man könnte aber ebenso gut von Schockstarre reden. Schon der erste schwarze Balken, der für die CDU, hat nur ein paar Zischgeräusche im Publikum provoziert, als die Grünen bis auf zwölf Prozent wachsen, sagt jemand "oh", beim Balken der Linken komplettiert ein anderer zu "oh nein." Dass die FDP ein paar Punkte hinterm Komma zugelegt hat, tröstet niemanden. Aus der Steuersenkungspartei wird in diesem Moment die Partei der gesenkten Köpfe.

Zwanzig Minuten später kommt Parteichef Guido Westerwelle auf die Bühne. Der einsetzende Applaus, er ist nicht trotzig, er ist nicht einmal aufmunternd, er ist nur obligatorisch. Der Vizekanzler hat eine ganze Entourage mitgebracht, demonstrativ wird man später sagen. Die liberalen Hoffnungsträger Generalsekretär Christian Lindner und Gesundheitsminister Philipp Rösler sind ebenso dabei wie die Bundesminister Rainer Brüderle und Dirk Niebel, Fraktionschefin Birgit Homburger, der parlamentarische Geschäftsführer Jörg van Essen und Staatssekretärin Cornelia Pieper.

Guido Westerwelle setzt seine versteinerte Miene auf. "Das ist ein enttäuschender Abend für die FDP", sagt er. Man müsse sich nun anstrengen, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Außerdem danke er "Professor Andreas Pinkwart" für seine Arbeit. "Man gewinnt Wahlen zusammen und man verfehlt Wahlziele zusammen."

Was das Verlieren betrifft, da war man bei den Liberalen in letzter Zeit ein wenig aus der Übung geraten. Eine Weile schien es so, als ginge es für die FDP nur noch bergauf, wie bei der Bundestagswahl im September. Da war es wesentlich voller im Thomas-Dehler-Haus, die Menschen feierten Guido Westerwelle und auch der Sekt floss. "Wir werden ein Glas drauf trinken", sagt Guido Westerwelle am Abend der NRW-Wahl – "zum Runterspülen".

Der Satz, der nach Westerwelles kurzer Rede nachhallt, ist, man werde auch Konsequenzen für Berlin ziehen. Gleich mehrfach hat er davon gesprochen. Was er wirklich meint, ist nicht klar. Sicher ist, dass das Tagesgeschäft in der Hauptstadt nicht so einfach weitergehen wird. Denn mit dem Ende von Schwarz-Gelb in Nordrhein-Westfalen ist auch die Mehrheit im Bundesrat dahin. "Das bedeutet mehr Arbeit", sagt Philipp Rösler. Für seine Kopfpauschale könnte es jetzt allerdings ziemlich eng werden. "Der Bundesrat ist eine Länderkammer und keine Parteienkammer", sagt Rösler. Es klingt nach Zweckoptimismus. Denn die FDP wird an diesem Abend mit einem Mal vom Akteur zum Zuschauer. Wie ein Übriggebliebener beim Abschlussball, mit dem niemand tanzen will.